Müssen wir uns allmählich von Atlantis als untergegangener Insel verabschieden und akzeptieren lernen, mit Atlantis die erste überlieferte Science Fiction Story vorliegen zu haben? Diese Frage stellt sich der Soziologie Horst Bohse in seinen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen.

Atlantis ist der falsche Name
Wir müssen uns wohl allmählich von Atlantis als untergeganger Insel, untergegangem Kontinent oder untergeganger Landmasse endgültig verabschieden und es als das zu akzeptieren lernen, was es seit 2400 Jahren war: die erste überlieferte Science Fiction Story, noch dazu von einem hoch angesehenen klassischen Philosophen. Es mag ja sein, dass Solon tatsächlich in Ägypten war; es mag auch sein, dass Kritias der Ältere nicht nur existierte, sondern, sofern Platon kein Märchen erzählte, sogar das Glück hatte, von dem großen und soweit bekannt stets unter Zeitdruck stehenden Staatsmann Solon die Atlantis-Geschichte zu erfahren, wobei wiederum geglaubt werden muss, dass Solon sich diese Geschichte nicht selbst ausgedacht, sondern tatsächlich Dokumente anlässlich seines Besuchs im ägyptischen Sais sichten konnte – wir werden es niemals mit Sicherheit wissen. Was wir aber jederzeit anstellen können, sind simple Wahrscheinlichkeitsüberlegungen.

Platons Utopia

Wenn Atlantis wirklich existiert hätte und vor langer Zeit infolge einer wie auch immer gearteten Naturkatastrophe untergegangen wäre, dann hätten wir ganz sicher aus diversen Quellen davon gehört und müssten uns nicht ausschließlich auf die Glaubwürdigkeit eines einzigen Autors verlassen. Denn bekanntlich gibt es außer Platon keine weiteren Quellen, die auf eine untergegangene Zivilisation namens Atlantis hinweisen.

Daher liegt es auf der Hand, dass der wissenschaftliche Konsensus Atlantis in das Reich der Mythen, Märchen und Legenden verweist. Man kann aus einer Geschichte, die ein einziger Philosoph vor fast zweieinhalbtausend Jahren geschrieben hat, keinen historischen Tatsachenbericht hinbiegen. Platons Timaios und Kritias (ja nicht einmal Platons „Atlantis“, denn die Bücher heißen Timaios und Kritias und nicht Atlantis) hat nicht das Zeug dazu, die Vor- und Frühgeschichte neu zu schreiben, denn bekanntlich geht es in der Wissenschaft darum, nur diejenigen Hypothesen anzuerkennen, die sich nachprüfen und ggf. widerlegen lassen. Platons Atlantis entzieht sich dieser Grundbedingung für Wissenschaftlichkeit und gehört eindeutig in den Bereich des Glaubens: Es ist nicht auszuschließen, dass es Atlantis tatsächlich irgendwann irgendwo gegeben haben mag, aber wir können es nicht wissen, da wir Platons Geschichte nur glauben (oder nicht glauben) können und von daher keine Sicherheit erhalten können. Daher ist Platons Atlantis kein Gegenstand der Wissenschaft und wird es niemals werden, sofern und solange keine weiteren Dokumente auftauchen, die auf Atlantis weisen.

Heinz Günther Nesselrath, ein ebenso scharfsichtiger wie scharfzüngiger Philologe, hat es auf den Punkt gebracht: Atlantis kann nicht existiert haben, weil die Geschichte selbst als Konstruktion angelegt ist, um die Bedingungen für einen idealen, kleinen aber feinen und wehrhaften Staat (Athen) zu benennen, der nicht so in Bedrängnis geraten und auf fremde Hilfe angewiesen sein soll wie einst Ägypten im Seevölkerkrieg. Platon will am Beispiel Atlantis eine abschreckende Negativfolie zu dem idealen, utopischen Athen „auferstehen lassen“ und zeigen, wie ein überhebliches Imperium an seiner eigenen Fettleibigkeit und Großmachtsucht zu Fall kommen und „untergehen“ muss wie noch jedes Imperium vor (Sumer, Babylon, Assyrien) und nach ihm (Persien, Rom, das British Empire). Platons Atlantis ist als eine Parabel oder Allegorie zu verstehen, um seine Mitbürger und die Regierenden davor zu warnen, wie es jedem Staat ergehen muss, der sich zu einer Großmacht aufbläht und die angrenzenden Länder und Völker unterjocht. Platon

„zeigte die Gefahren auf, die eine solche imperialistische Seemacht erwarten muss [Â…], und er versuchte sozusagen den quasi-historischen Beweis zu erbringen, dass ein Staat, der wie sein Idealstaat eingerichtet war, sich in einer solchen Lage überzeugend bewähren würde.“ [1]

Natürlich kann man auch weiterhin fragen: Kann es nicht vielleicht Atlantis doch gegeben haben? Denn es lässt sich ja nicht ausschließen, dass Platon diese Geschichte nicht erfunden hat, sondern dass sich alles tatsächlich so zugetragen hat, wie er es geschrieben hat und dass zu seiner Zeit in Ägypten tatsächlich Dokumente existierten, die auf eine einstmals wirklich existierende Insel oder Landmasse namens Atlantis hinwiesen. Dann muss man sich aber sofort die Frage stellen, warum sich nirgendwo sonst in Quellen vor Platons Zeit Hinweise auf Atlantis finden lassen, nicht einmal in Mythen und Legenden, und wenn, dann nur mündlich, was wir aber nicht wissen können. Immerhin existierte zu Platons Zeit die Schrift bereits 3.000 Jahre lang, also einen längeren Zeitraum hindurch als zwischen Platons Zeit und heute. Aber in keiner der – um mal einen Ausdruck Platons zu gebrauchen, den er Kritias in den Mund legt – „alten Schriften“ finden wir auch nur den geringsten Hinweis auf Atlantis – weder in der Bhagavad Gita noch in den indischen Veden oder in der Mahabharata noch auf den ägyptischen Inschriften noch in irgendwelchen schriftlichen Hinterlassenschaften aus dem Reich Elam (dem vorindoeuropäischen Südiran) noch im jüdischen Talmud noch in der christlichen Bibel oder irgendwelchen anderen vorplatonischen Schriften aus aller Herren Länder und Kulturen.

Ist Atlantis zweimal untergegangen oder gar nicht?

Entweder ist Platons Atlantis-Erzählung ein Mythos (Allegorie, Parabel, utopischer Entwurf), also Fiktion, oder ein Tatsachenbericht, also Faktion. Wenn sie ein Mythos ist, spielen Orts- und Zeitangaben ebenso wenig eine Rolle wie Verweise auf „Quellen“ und die geographische, topologische, politische, wirtschaftliche, technologische und soziologische Beschreibung der großen (Kontinent, Landmasse) und kleinen (Stadtinsel, Ringsystem und Hafen) Insel Atlantis. Wenn sie als Dokumentation verstanden werden wollte und will, muss man sie auch so nehmen, nämlich wörtlich. Anders als etwa das Gilgamesch-Epos oder das Alte Testament der Bibel, die zu recht als Mythos verstanden werden, erhebt der Atlantisbericht ja Anspruch auf Realitätsbezug, wenn man diesen Wahrheitsanspruch nicht selbst als Teil der Parabel bzw. der Allegorie deutet. Dann muss man Platons Atlantisbericht auch wörtlich nehmen. Entweder oder, aber nicht so und so, wie’s gerade am besten passt, um Atlantis ins Geschichtsbild einbauen zu können. Wenn wir also Platons Atlantisbericht als eine Dokumentation aus dritter Hand nehmen und davon ausgehen, dass Atlantis wie geschildert vor ca. 11.500 Jahren im Meer versunken ist, muss man schon fragen dürfen, warum dieses Spektakel keinen Eingang in die Mythen, Volkslegenden und in die „alten Bücher“ gefunden hat.

Die hardcore-Atlantisfans werden hier natürlich flugs entgegenhalten, dass Atlantis ja gar nicht so früh untergegangen sein muss, als dass es noch in die o. g. Schriften hätte eingehen können, die ja nun mal allesamt uralt sind. Einige Atlantisfreaks behaupten ja, bei der alten (griechischen?) Zeitrechnung hätte sich ja das Jahr auf den Mond bezogen (Mondjahr) und die von Platon genannten Jahre seien daher keine Jahre, sondern Monate; Atlantis sei somit nicht ca. 9000 v. Chr. untergegangen, sondern erst ca. 1200 – 1300 v. Chr. Abgesehen davon, dass, selbst unterstellt, Platons Geschichte bezöge sich auf tatsächliche Ereignisse aus der Vergangenheit und echte ägyptische Quellen, sämtliche Wissenschaftler davon ausgehen, dass es sich nur um tatsächliche (Sonnen-) Jahre gehandelt haben konnte, Atlantis also nach Platons Darstellung um oder einiges nach 9500 v. Chr. untergegangen sein musste und nicht erst 1200 – 1300 v. Chr., müssen sich die Atlantis-Gläubigen fragen lassen, warum wir außer bei Platon nicht den geringsten Hinweis auf diese Katastrophe haben. Immerhin ist 1200 bzw. 1300 v. Chr. keine dunkle Vorzeit mehr, sondern frühe Antike, von der wir umfangreiches Dokumentationsmaterial haben. Zu dieser Zeit waren die mesopotamischen Reiche Sumer und Babylon selbst bereits Geschichte und es herrschten dort die Assyrer, Ägypten befand sich schon in der 19. Dynastie (Neues Reich) und erlebte unter Ramses II seinen politischen und kulturellen Höhepunkt, die Pyramiden standen bereits seit 1.400 Jahren als monumentale Denkmäler im Wüstensand, das Reich Elam war auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung, die Indus-Zivilisation (Harappa) war auch schon seit 600 Jahren Geschichte, und die minoische Kultur lag in den letzten Zügen. Alle großen frühen Hochkulturen hatten den besten Teil ihrer Geschichte also bereits hinter sich und hinterließen einen Schatz an Bauwerken, Artefakten und Schriften. Nirgendwo auch nur der geringste Hinweis auf eine in einer Naturkatastrophe untergegangenen Zivilisation oder Hochkultur namens Atlantis. Kein Geschichtsschreiber hielt es offenbar für nötig, diese – wie die meisten Atlantis-Anhänger glauben – früheste und grandioseste aller Hochkulturen, die natürlich schon die Schrift besaß, auch nur mit einer Zeile zu würdigen. Geradeso als hätte es Atlantis nie gegeben.

Wie oft ist Atlantis denn nun untergegangen: einmal, zweimal oder gar nicht? Vor ca. 11.000 Jahren, vor ca. 3.300 Jahren oder gar nicht? Gar nicht geht nicht, denn dann müsste diese „Insel“ oder was immer es war ja noch auf der Landkarte zu finden sein. Also einmal oder zweimal? Zweimal ist auch schlecht möglich, wenn dann nur einmal. Vor 11.000 Jahren erscheint aber auch unwahrscheinlich, weil es außer bei Platon keine Berichte und Hinweise gibt, nicht einmal in der Bibel, die doch sonst für alle Natur- und andere Katastrophen (Sintflut, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Heuschreckenplagen, Sodom und Gomorrha, Tsunamis [Teilung des Roten Meeres] usw.) zuständig ist. Gesucht wird: ein Phantom.

Atlantis ist immer und überall

Die Geschichte der Atlantissuche ist bekannt. In unregelmäßigen Abständen erlaubt sich der Spiegel immer mal wieder den Spaß, Atlantis auf der Landkarte einzuzeichnen. Die bisher letzte Weltkarte mit Atlantis ist nun auch schon fast 10 Jahre altÂ…

Klassifizierung durch Lokalisierung

Abb. 1: Klassifizierung durch Lokalisierung: Der Spiegel 1998.

Wichtige Fundorte wie die von Christian und Siegfried Schoppe (im Schwarzen Meer), Ulrich Hofmann (Nordalgerien), Robert Sarmast (zwischen Zypern und dem Libanon) und Ulf Erlingsson (Irland) sind hier noch gar nicht eingezeichnet. Wird Zeit, dass der Spiegel seine Atlantis-Karte mal wieder updatet und dem jüngsten Stand der „Forschung“ anpasst.

Das Problem mit der Lokalisierung von Atlantis ist, dass, wenn man Platon genau liest und beim Wort nimmt, nichts passt. Entweder war seine Zeitangabe falsch und mindestens fahrlässig nachlässig und er meinte Monate und nicht Jahre – dann stellt sich die Frage, warum nicht nur keine der Überlieferungen aus dem klassischen Altertum etwas von Atlantis wussten, warum es aus der Zeit zwischen 1300 v. Chr. und Platon keinerlei Hinweis auf eine Naturkatastrophe gibt (die Explosion der Insel Santorin war längst Geschichte, und es scheint, als sei die Erde nie ruhiger gewesen als in den 900 Jahren zwischen dem zweiten Untergang von Atlantis (frühestens 1300 v. Chr.) und Platons Timaios und Kritias (kaum später als 350 v. Chr.) – nirgendwo ein schriftlicher, geologischer, archäologischer oder klimageschichtlicher Hinweis auf den Untergang einer Insel von einer Größe immerhin des Umfangs von Großbritannien (ohne Schottland und Nordirland). Das hätte doch zumindest ein paar Spuren hinterlassen müssen. Jedes Volk, das in der Nähe von Atlantis wohnte, hätte zumindest in ihren Mythen und Legenden darüber berichtet, in den Sedimenten hätten sich zahlreiche Hinweise auf geologische Verwerfungen oder eine Klimaanomalie gefunden, Artefakte hätten diese Katastrophe zumindest bildlich dargestellt. Nichts, rein gar nichts. Oder seine Ortsbeschreibung war falsch – der Atlantik kann es schon aus geologischen Gründen nicht gewesen sein. Oder alles war falsch, entweder ausgedacht oder falsch überliefert.

Jeder Ort, an dem Atlantis bisher lokalisiert wurde, stellte sich sehr schnell als inkompatibel sowohl mit Platons Angaben als auch mit geologischen, klimatologischen und kulturellen Gegebenheiten heraus. Die wenigen nicht von vornherein völlig abstrusen Lokalisierungen, die nicht sofort durchs Sieb fielen, hielten allesamt einer kritischen Überprüfung nicht stand. Die Insel Spartel westlich von Gibraltar (Collina-Girard) konnte es nicht gewesen sein, weil sie von der Größe her (14 km Länge) um einige Zehnerpotenzen zu klein war für Platons knapp 600 x 400 Kilometer-Brocken (allein die Tiefebene ohne den restlichen Teil der Insel mit den Bergen). Südspanien („Tartessos“) vor der Mündung des Flusses Guadalquivir) (Kühne / Wickboldt) kann es auch schlecht gewesen sein, weil dann Platon statt 9000 Jahre wirklich 9000 Monate gemeint haben musste; zudem ist Südspanien nicht untergegangen und vor der Küste ist nicht genügend seichtes Meer, das einen so großen Landstrich wie Platons Atlantis durch den Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit hätte überfluten und bedecken können. [2]

Zum Schluss fiel dann leider auch noch die auf den ersten und zweiten Blick berückende Hypothese der Gebrüder Schoppe, Atlantis sei vor 7500 Jahren im Schwarzen Meer untergegangen. Immerhin bietet ihr Atlantisbuch [3] spannende und informative Lektüre vom Feinsten und auch ihr Internetauftritt, in dem sie ihre Theorie multimedial aufbereitet haben, ist vorbildlich und ein Genuss [4]. Zudem fängt sie gleich drei Fliegen mit einer Klatsche, indem sie gleich drei der letzten Rätsel der Menschheit mit einer einzigen stringenten Theorie zu beantworten scheint, über die wir uns schon seit Jahrtausenden die Köpfe zerbrechen:

  • Gab es Atlantis, und wenn ja: wo war Atlantis, wann und wie ging es unter?
  • Gab es die Sintflut, und wenn ja: wann, und wie wirkte sie sich aus?
  • Wo kommen wir her? Wo liegt die Wiege unserer Sprache und Zivilisation?

Schoppes Theorie lehnt sich an die atemberaubende Sintflut- und Dammbruch-Hypothese der amerikanischen Meeresbiologen William Ryan und Walter Pitman von 1996 an. Der nach Ende der letzten Eiszeit kontinuierlich gestiegene Meeresspiegel habe vor ca. 7500 Jahren dazu geführt, dass sich immer mehr Wasser vom Mittelmeer ins Marmarameer ergoss, bis die schmale Landbrücke am Bosporus dem zunehmenden Druck nicht mehr standhalten konnte und sie an der schwächsten Stelle einfach wegsprengte. Mit der 200-fachen Kraft der Niagarafälle donnerten die Wassermassen hinab ins Schwarze Meer, das damals 150 Meter tiefer lag als heute. An seinen Gestaden ereignete sich eine Katastrophe biblischen Ausmaßes. 100 Kilometer weit war das Getöse zu vernehmen. Innerhalb kürzester Zeit stieg der Wasserspiegel des Schwarzen Meers um eben diese 150 bis 200 Meter an und begrub die Insel Atlantis, die den Nordwesten des heutigen Schwarzen Meers bedeckte, unter seinen Schlamm- und Wassermassen. Die Überlebenden verstreuten sich in alle vier Winde; der Hauptstrom ergoss sich das Donautal hinauf, gründete im Großraum des heutigen Transsilvanien die legendäre Vinca-Kultur und verdrängte im weiteren Vorstoß nach Nordwesten die dort ansässigen indogenen Alt-Europäer. Natürlich waren die „Atlantiker“ die frühen Indoeuropäer, unsere vorgeschichtlichen Urahnen. Die Wiege unserer Zivilisation, die erste aller frühen Hochkulturen, ist also am Meeresgrund des Schwarzen Meers zu suchen. Damit war auch das missing link gefunden, nämlich die Frage nach der Urheimat der Indogermanen, ihrer Sprache und ihrer Schrift.

Leider hat auch diese bislang durchdachteste Atlantis-Hypothese die beiden Merkmale, die noch jede typische Atlantis-Hypothese auszeichnet: Sie ist falsch und eine Mogelpackung. Wir sind ihr wieder auf den Leim gegangen! Falsch ist sie, weil sie bereits vor fünf Jahren widerlegt wurde; eine Mogelpackung, weil das Buch der Gebrüder Schoppe erschien, als die Schwarzmeerthese bereits zwei Jahre als falsch widerlegt war.

Jun Abrajano, Professor für Umweltforschung in Troy im US-Bundesstaat New York und sein kanadischer Kollege Ali E. Aksu von der University Newfoundland nahmen die Sedimente im Marmarameer unter die Lupe. Dabei entdeckten sie Dinge, die widerlegen, was Ryan, Pitman und Ballard für einen biblischen Beweis hielten. Am Grund des Marmarameers, das Mittelmeer und Schwarzes Meer verbindet, liegen nämlich Sedimente, die vor 10 000 Jahren aus dem mit Süßwasser gefüllten Vorläufer des Schwarzen Meers eingeschwemmt worden sind. Um mit der Sintflut-These übereinstimmen zu können, ist das genau die verkehrte Richtung.

Bahnte sich also statt der Superflut aus dem Süden das süße Träufelwasser aus dem Norden am Bosporus den Weg?

Wenn dem so war, blieb für die Flucht genug Zeit. Mehrere tausend Jahre soll der Prozess gedauert haben. Die Vermutung, dass es eine frühere Verbindung zum Schwarzen Meer gab, stützen die Forscher mit den Analysedaten der so genannten Sapropel-Schichten im Marmarameer (GSA Today, Nr. 5/02 sowie Marine Geology, Nr. 3161/02). In diesem Süßwasserschlamm fanden sich organische Spuren, zum Beispiel Pollen, und Fossilien von Getier, das aus dem Schwarzen Meer stammt. „Der stärkste Beweis aber ist das Delta“, sagt Abrajano. Deltas bilden sich, wenn ein Fluss in ein anderes Gewässer strömt. Vor über 9000 Jahren hatte sich am Bosporus eines gebildet – auf der Seite des Marmarameers. „Können Sie mir diese Ablagerungen erklären, wenn damals hier kein Waser geflossen sein soll, wie das Ryan und Pitman mit ihrer Sintflut-These behaupten?“, fragt Abrajano. Damit sich nämlich genügend Nass für eine biblische Flut hätte ansammeln können, bedurfte es an dieser Stelle eines undurchlässigen Landriegels. Ein südwärts wachsendes Delta hätte sich da nicht bilden können – zumal nicht genährt von einer Süßwasserwanne, deren Oberfläche gemäß der Sintflut-These damals 150 Meter tiefer liegen sollte. [5]

Utopia im Atlantik

Man hätte es ja auch wissen müssen. Eine Überlieferung, die Wahrheitsgehalt beansprucht, die also nichts weniger beansprucht als ein historischer Tatsachenbericht zu sein und kein Mythos, muss in allen Bestandteilen den Anforderungen an Wissenschaftlichkeit genügen, und wenn und solange man keine Beweise für ihre Verifizierbarkeit (bzw. Falsifizierbarkeit) bringen kann, muss sie ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit zumindest so weit erfüllen, dass sie nachprüfbare Quellen auflistet, die es einem erlauben, hier weiter zu forschen. Zwar nennt Platon die Quelle, von der er angeblich die Atlantis-Geschichte hatte, war sich aber natürlich bewusst, dass eine einzige Quelle, noch dazu aus dritter Hand, diesen Anspruch nicht erfüllen kann. Die zweite Bedingung war also, und auch das war Platon klar, was er ja auch wiederholt versicherte, alles wortgetreu so zu schildern, wie er es seinem Protagonisten Kritias aus dessen Erinnerung in den Mund legte. In diesem Fall, wo man also auf die wortgetreue 1:1 Berichterstattung angewiesen ist, sind keine dichterischen Freiheiten erlaubt; er muss sich beim Wort nehmen lassen. Der Text kann sich, will er als „Tatsachenbericht“ aus dritter Hand dennoch für voll genommen werden, Spielereien wie eingebaute Allegorien und Metaphern, die es endgültig unmöglich machen würden, die Spreu vom Weizen zu trennen und zu rekonstruieren zu versuchen, was Faktion und was Fiktion ist, schlicht nicht leisten. Mann kann ihn also nur wörtlich nehmen oder muss ihn von vornherein als Science Fiction abtun.

Das heißt z.B., dass Atlantis nicht 9000 Monate vor Platon untergegangen sein kann, sondern 9000 Jahre, und auch nicht irgendeine Zeit dazwischen. Das heißt ferner, dass man, wenn man bereit ist, Platons Atlantis-Geschichte für einen historischen Tatsachenbereicht aus dritter Hand zu nehmen, keinen Interpretationsspielraum hat bei konkreten Angaben, etwa über Lage, Größe und Beschaffenheit der Insel. Man hat keine Freiheit, Platon (also Kritias, seinem Großvater Kritias, Solon, dem ägyptischen Priester) Irrtum oder Unkenntnis bei seinen Orts- und Zeitangaben einzuräumen. (Andernfalls hätte er, für den Fall, dass er seine Geschichte nicht als Tatsachenbericht verstanden wissen gewollt hätte, Kritias nicht wiederholt versichern lassen, dass er die Geschichte „nach bestem Wissen“ und Gewissen erzählt hätte, so wie sie ihm überliefert worden war.) Man muss also voraussetzen können, dass Platons Weltbild auf der Höhe der damaligen Zeit war, dass er also auch Herodots „Weltkarte“ kannte.

Herodots Weltkarte

Abb. 2: Herodots Weltkarte

Dann muss man auch akzeptieren, dass Platon mit den Säulen des Herakles eben nicht die Meerenge der Dardanellen gemeint hat, auch nicht den Bosporus, sondern jene Meerenge, die zu Herodots und erst recht zu seiner eigenen Zeit unter dieser Bezeichnung gemeint war, nämlich die Straße von Gibraltar, und dass nicht nur deswegen das Atlantische Meer für Herodot und für Platon eben nicht das Schwarze Meer war, sondern der Atlantik, und dass Atlantis kein Landstrich war und auch keine Halbinsel, sondern eine Insel, und dass sie keine beliebige Größe hatte, sondern annäherungsweise in der von ihm genannten Größenordnung, und dass sie nicht langsam überflutet wurde, sondern in Form einer Katastrophe. Schon aus diesen Gründen hätte sich Schoppes Atlantis-Interpretation verboten. Andernfalls hätte Platon Kritias sagen lassen, Atlantis habe im Schwarzen Meer gelegen, aber dann hätte diese Insel in seiner Überlieferung ganz sicher auch einen anderen Namen getragen.

Der einzige Ort, wo Atlantis zu finden wäre, wäre derjenige Ort, wo er auch logischerweise in der ersten ernstzunehmenden modernen Atlantis-Hypothese, der von Ignatius Donnelly (1882) „lokalisiert“ wurde, nämlich auf dem Grund des Atlantiks. Nirgendwo anders kann Atlantis nach Platon gelegen haben. Spätestens seit der Geburtsstunde der modernen Plattentektonik (seit Wegeners „Kontinentaldrift“) wissen wir, dass der Atlantik keine Inseln „schluckt“, sondern, wenn überhaupt, junge Inseln „ausspuckt“. Atlantis kann also niemals, und schon gar nicht „über Nacht“, im Meer versunken sein. Auch ist nirgendwo im Atlantik das Meer so seicht, dass der nacheiszeitlich bedingte Anstieg des Meeresspiegels um 120 – 130 Meter die Flutung einer so großen Insel ermöglicht hätte. Atlantis kann also nicht im Atlantik versunken sein. Da Atlantis aber, wenn überhaupt, nur im Atlantik lokalisiert sein konnte, müsste es dort heute noch stehen; es gibt aber keine Insel, die auch nur im Entferntesten von der Größe und von der Topologie her „Platons Atlantis“ sein könnte. Da Atlantis also nicht im Atlantik vorhanden ist und hier auch nicht untergegangen sein kann, kann es sich nur um eine Ausgeburt der Fantasie des Herrn Platon gehandelt haben. Atlantis ist nicht nur mausetot, es hat auch niemals existiert.

Ganz abgesehen davon ist es völlig unmöglich, dass eine Insel dieser Größe durch was auch immer katastrophisch „untergehen“ kann. Selbst die schwersten Erdbeben und Risse in der Erdkruste können nur entweder kleine Teile einer großen Insel absprengen und „untergehen“ lassen (indem der abgespaltene Teil, z.B. ein Felsen, zur Seite kippt und unterseeisch am Hang, auf dem er gestanden hatte, liegen bleibt; es handelt sich hier um Bereiche von mehreren hundert, maximal von mehreren Tausend Quadratmetern, definitiv von wesentlich weniger als einem Quadratkilometer, während Platons Atlantis eine Fläche von ca. 200.000 Quadratkilometern hatte); und wenn der Riss ( für den Fall, dass die Insel zufällig auf der Grenze zwischen zwei Kontinentalplatten liegt und mehr oder weniger genau durch die Mitte der Insel verläuft) durch eine schwere Plattenverschiebung vielleicht sogar die Insel in 2 gleich große Teile gespalten hätte, würden beide Teile, getrennt von einem mehrere Meter breiten Grabenbruch, nebeneinander stehen und weiterhin aussehen wie eine Insel. Eine Katastrophe hätte es nicht gegeben außer den Verwüstungen, die ein schweres Erdbeben mit sich bringt und mitsamt dem dazugehörigen verheerenden Megatsunami, aber es hätte für den Bestand der Insel und den größten Teil ihrer Bewohner keine ernste Gefahr bedeutet. So eine Insel aus zwei Hälften von dieser Größe gibt es im Atlantik natürlich nicht, und wenn es sie gäbe, wäre Atlantis schon vor Jahrhunderten wiederentdeckt worden, vor allem aber hätten ihre Bewohner, die Überlebenden, davon schon vor 11.000 Jahren berichtet; in allen Kulturen wäre es dokumentiert gewesen, und Platon wäre nicht auf die Idee gekommen, nun auch noch seine Version der Atlantisgeschichte zu erzählen.

Erst recht kann kein Vulkan eine Insel derartigen Ausmaßes versenken. Selbst ein vergleichsweiser Zwerg wie die Insel Santorin konnte nicht ganz untergehen. Und selbst der stärkste Vulkanausbruch aller Zeiten, die Explosion des Supervulkans Toba, der vor 75.000 Jahren die zahlenmäßig noch spärliche Menschheit an den Rand des Aussterbens gebracht hatte – es sollen nur ca. 15.000 Menschen überlebt haben – , hatte nur eine Fläche von der Größe des Saarlands weggerissen und einen 100 mal 30 Kilometer großen Kratersee (Caldera) hinterlassen. [17] Man kann getrost davon ausgehen, dass jede Naturkatastrophe von einer Stärke, die ausgereicht hätte, Platons Atlantis wie beschrieben im Meer zu versenken, nicht nur die Menschheit ausgelöscht hätte, sondern alles organische Leben bis auf ein paar Insekten und Einzeller.

Die Sehnsucht nach Utopia und sie Suche nach dem Missing Link

Wenn es Atlantis nicht gegeben hätte, müsste man es erfinden;
Da es Atlantis nicht gegeben hat, muss man es immer wieder neu erfinden

Woran liegt es, dass Atlantis so eine Faszination auf uns ausübt? Hätte Platon Atlantis nicht erfunden, spätestens ein römischer Philosoph oder Schriftsteller hätte Atlantis erfunden. Natürlich hätte er der Insel einen anderen Namen gegeben – ansonsten hätte sich nicht viel verändert und auch heute würden wir, so wie wir es tun, diese Insel suchen, weil wir dem Autor glauben wollen. Und warum wollen wir ihm glauben? Warum haben unsere Vorfahren an den lieben Gott geglaubt, solange das wissenschaftliche Weltbild eines Schöpfungsaktes noch bedurfte, um sich das Vorhandensein der Welt und denkender Wesen erklären zu können? Es durfte keine Erkenntnis- und Erklärungslücke geben; der Mensch jappst nach einem konzisen, geschlossenen Weltbild, das seine innere Unruhe stillt. Diese Lücke wurde zunächst von Darwin, dann von der Urknalltheorie und zuletzt von der Stringtheorie geschlossen; es gibt keinen Plan und keinen Initialkick durch einen „Außenstehenden“, der die Welt und mit ihr die Zeit in der Ursekunde „angestoßen“ hat.

Der Mensch ist von Natur aus neugierig, will wissen, was hinter dem Horizont liegt, wie groß die Welt ist, wo ihre Grenzen sind, was sie im Innersten zusammenhält und was jenseits der äußersten Grenzen wohl ist, nur Nichts oder vielleicht doch etwas? Er will wissen, was Zeit ist, warum wir altern, warum die Zeit irreversibel ist, warum das Leben im Vergleich zur Welt oder auch nur zur dokumentierten Zivilisationsgeschichte so jämmerlich kurz ist, und ob es nicht vielleicht doch ein Leben jenseits von Geburt und Tod gibt. Er will wissen, was Sein ist und ob es wirklich das Nichts gibt. Er will wissen, wer er wirklich ist, auch wenn er weiß, dass die Wissenschaft auf diese „Grenzfragen“, wie sie sie nennt, die doch ureigene Existenzfragen sind, vorerst und bis auf Weiteres keine Antworten weiß, und ahnt, dass sich einige Fragen wohl niemals beantworten lassen werden. Aber seine naturhafte Neugier ist es, die die Erforschung der Natur immer weiter vorantreibt und den Horizont des Wissens und der Erkenntnis von der Welt, ihrer Geschichte und ihrer Dynamik, kontinuierlich erweitert und mit jedem Erkenntnisssprung einen Haufen neuer Fragen aufwirft. Je mehr er erfährt und weiß, umso deutlicher erkennt er, dass völlig unabhängig vom Fortschritt des Wissens stets ein unerklärbarer Rest bleibt, der sich der Forschung als Gegenstand entzieht, sei es, weil unsere Technik noch nicht so weit ist, oder weil die wissenschaftliche Forschungsmethodik es nicht zulässt, den Gegenstand des Interesses näher zu analysieren. Ein Teil der Welt und dessen, was wir wissen wollen, bleibt stets im Dunkeln, im Numinosen, und verbleibt bis auf Weiteres Thema und Inhalt von Para- und Pseudowissenschaft, Religion, Metaphysik und Esoterik, Mythen und Mystizismus, also von „wildem Denken“, das Wunsch und „Wirklichkeit“ gleichsetzt. Und der Mensch stellt in diesem Prozess fest, dass es stets die wichtigsten, existenziellen Fragen sind, auf die er keine Antwort erhält, und wenn er klug ist, kommt er zu dem Ergebnis, dass das ganz gut so ist, denn wenn er alles wüsste, wäre das Leben dermaßen was von todlangweilig, dass es einfach nicht mehr weitergelebt werden könnte. Wir würden eine Gesellschaft von lebensmüden Selbstmördern.

Aber auch diese Ahnung hält den Menschen nicht davon ab, neugierig zu bleiben, zu fragen, immer mehr wissen zu wollen, und was sollte auch schlecht daran sein! Wir werden zwar keine Antwort bekommen auf die letzten Fragen, aber vielleicht doch auf die vorletzten; allein das schon rechtfertigt die Dynamik, mit der Erkenntnis und Wissen fortschreitet und ein Geheimnis nach dem anderen lüftet.

Der Mensch ist aber ebenso sehr auch sensationsgeil. Er ist süchtig nach Katastrophen, solange sie ihn nur nicht selbst heimsuchen, und nach den dazugehörigen Katastrophentheorien und deren Kommerzialisierung. Katastrophenfilme bringen den Produzenten und Filmverleihern big money und lassen die Kassen klingeln, Katastrophenthriller stürmen die Bestsellerlisten. Es ist dieses prickelnde Gänsehautfeeling, das wir wohl brauchen, um unserem langweiligen, oft öden Alltag zu entfliehen in eine Welt, in der der Mensch zum Spielball von Gewalten wird, die sein Vorstellungsvermögen übersteigen, deren Zeuge er aber wird, obwohl er weiß, dass er dieser Zeuge niemals sein kann, weil er als Zeuge nur einen winzigen Teil, quasi die Ouvertüre, der Katastrophe miterleben kann, ehe er von eben dieser entfesselten Natur verschlungen wird. Ich schaue von weit oben aus dem Fenster und sehe unter mir, vor mir ausgebreitet, den Fluss, die Stadt, das Land und weit am Horizont die Berge, und stelle mir vor, jetzt kommt ein Meteor, ein Killerbolide von einem Kilometer Durchmesser, aus dem blauen Himmel gestürzt und fällt zwei Kilometer vor mir auf diese Stadt, bohrt sich wie tief in die Erde hinein? Und ich weiß, dass ich diesen Film nie sehen werde, selbst wenn das Schauspiel morgen passieren würde, weil ich bereits erblindet wäre, ehe ich überhaupt ahnen könnte, was da passiert, weil der beim Eintritt in die Erdatmosphäre wohl in einer gleißenden Helligkeit aufleuchten würde, die einige tausend Mal greller sein dürfte als das Licht der Sonne und das Sehzentrum mit einem Impuls durch Überlastung einfach lähmen würde, und dass ich unmittelbar danach in der Hitze, die dieses Licht verbreitet, verglühen und verbrennen würde, und dass ich selbst wenn das ganz so schnell nicht ginge, zerfetzt wäre, noch ehe der Bolide überhaupt aufschlägt, allein durch den nicht berechenbaren hohen Luftdruck. Die einzige Möglichkeit, einen solchen Boliden einschlagen zu sehen, böte wohl nur ein extrem gut gemachter Trickfilm. Und gut recherchierte, halbwegs exakt wiedergegebene Beschreibungen in Form eines wortmächtigen, spannenden Thrillers so einer Katastrophe sind der Stoff, für den wir gern unser Geld an der Kasse abgeben.

Wem das nicht genug ist, weil es nun mal eben nur einen kurzzeitigen Thrill bringt mit der berühmten Gänsehaut, der sehnt sich nach einer umfassenden „wissenschaftlichen Theorie“ oder doch zumindest nach einer halbwegs wissenschaftlichen Erklärung für solche Megakatastrophen, von denen wir zu wissen glauben, dass es sie in der Vergangenheit schon vielfach gegeben und teilweise auch die Menschheit heimgesucht hat, die aber in dunkler, vorgeschichtlicher Vergangenheit liegen, weit vor der Erfindung der Schrift, und die nur noch in Form von Mythen und Sagen späteren Eingang in das Schriftgut der Kulturen gefunden haben: die Sintflut, das untergegangene Atlantis, vielleicht sogar ein Krieg zwischen zwei außerirdischen Zivilisationen auf dem Schlachtfeld Erde um die Erde. Es gibt Urängste, die sich tief ins kollektive Unbewusste der Menschheit und vielleicht sogar in seine Gene eingeprägt haben: Weltenbrand, Drachen und Dämonen, Satan, Sodom und Gomorrha, die Apokalypse, die Hölle, die Sintflut und der Weltuntergang. Erinnerungen an Katastrophen von einem Ausmaß, die ein großer Teil der Menschheit nicht überlebt hat?

Die „Apokalypse“ war aber zugleich auch immer die Rückseite von Utopia. Katastrophen, die in frühmenschlicher Vergangenheit vielleicht Zivilisationen ausgelöscht haben, die Zehntausende von Jahren höher entwickelt waren als die der Überlebenden,

Vor allem aber ist der Mensch ein zerrissenes Wesen auf der Suche nach „seiner“ verlorenen Seele. Dies ist der Preis für das Wissen. Vielleicht haben es unsere Vorväter vor dreitausend Jahren schon erkannt und in einer Allegorie festzuhalten versucht: Adam war mit Eva im Garten und alles war gut. Es wäre wohl auch dabei geblieben, wenn Adam auf einem Spaziergang mit Eva durchs Paradies nicht an einem ganz besonders prächtigen Baum etwas entdeckt hätte, das da überhaupt nicht hingehörte, nämlich ein Schild mit der Aufschrift: „Äpfel essen verboten!“. Da kam die böse Schlange (seine natürliche Neugier) und sprach: Traust du dich nicht? Diese Äpfel sind das Köstlichste, was es überhaupt gibt. Vor allem aber bringen sie dir Erkenntnis.

Erkenntnis? – was das wohl sein mag, fragte sich Adam und wurde jetzt so neugierig, dass er nicht widerstehen konnte. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Der Mensch zahlte für Erkenntnis und Wissen einen denkbar hohen Preis, nämlich mit seiner Seele. Er verlor sein Einssein mit der Welt und gewann dafür Individualität und Intellekt, was ihn von allen anderen Lebensformen evolutionär uneinholbar hervorhob. So sehr er sich auch anstrengte, nie wieder war es ihm möglich, den Graben, der ihn vom Rest der Welt trennte, zu überwinden und wieder eins zu werden mit der Welt. Er erlebte sich im Heideggerschen Sinn als Geworfener; sein ganzes Leben war hinfort ein relativ kurzes Warten auf den Tod, auf das Ende von allem Sein, denn nur durch sein kurzlebiges Sein, das wusste er, konnte er überhaupt, anders als die Tiere, von sich und der Welt und von der unüberwindbaren Kluft und von seiner armseligen Vergänglichkeit wissen. Eben weil er seine Seele verloren hatte. Also erfand er die Religion und den Schöpfergott und stattete diesen mit Allmacht und Unsterblichkeit aus, vor allem aber mit Gnade und Barmherzigkeit, also mit den Attributen, die er einer Seele, hätte er sie noch, zuschreiben würde.

Durch die Güte und Barmherzigkeit Gottes würde er, wiewohl physisch sterblich, letztendlich, jenseits des Todes, aber dennoch weiterhin partizipieren können, und ließ sich dies von keinem Geringeren als Jesus bescheinigen, der da sagte: „Wer an mich glaubt, ist nicht verloren, sondern wird das ewige Leben erhalten“. Leider erlaubte es ihm sein Intellekt nicht allzu lange, an dieses Märchen zu glauben. Denn zum Intellekt gehört es selbstverständlich, sich Gewissheiten zu verschaffen über die Verhältnisse in der Welt und ihrer Zusammenhänge, und diese Gewissheiten schlossen, je mehr der Mensch von der Welt und dem, was sie im Innersten zusammenhält, erfuhr und dieses Wissen auf eine wissenschaftliche, nachprüfbare Basis stellte, den Schöpfergott aus, ja mehr noch, sie schlossen den Schöpfergott, den er, der Mensch, selbst erfunden hatte, um seine verlorene Seele irgendwie zurück zu gewinnen, aus, umso radikaler, je umfassender sein Wissen über die Welt wurde. Dieses Wissen, mittels dessen er sich im Prozess seiner Menschwerdung aus Neugier, also aus freiem Willen, aus dem Paradies, der unschuldigen, traumhaften, vorbewussten Einheit mit der Welt, ausgeschlossen und damit sogar aus der Welt ausgeschlossen hatte, vertrieb schlussendlich auch den Schöpfergott aus dieser Welt, für den es in ihr keinen Platz gab. Zwar ahnten es schon Marx und Nietzsche, dass Gott tot ist, eine Erfindung des Menschen, aber spätestens mit der Entdeckung des Urknalls und der modernen Kosmologie, die auf Wissen und Beweisbarkeit beruht und damit anders als die Religion keine Glaubenssache ist, sondern eine Gewissheit, war auch die Sache mit der Vertreibung aus dem Paradies und der verlorenen Seele ad acta gelegt, und ganz en passant auch die Hoffnung auf die Möglichkeit eines Lebens jenseits des Todes. Der Mensch ist, wie er erkannte, ein intelligentes armes Würstchen, das schon wieder sterben muss, noch ehe es richtig zum Leben gekommen ist.

Dies ist natürlich eine absolut ernüchternde, eigentlich schreckliche Bilanz, mit der es sich nur leben lässt, indem man sich voll ins Leben schmeißt, solange es noch geht, aber natürlich lässt sich der Geist nicht mehr länger austricksen mit Selbsttäuschungen wie der vom ewigen Leben und der unsterblichen Seele. Was bleibt noch nach dem Tod Gottes und dem Ende der Religionen? Flucht die Esoterik, in den Mystizismus und den Utopismus?

Aber, so sagt sich der Mensch, dieses vernichtende Urteil, dieses grundstürzende fatale Selbst- und Weltbild, dieser wissenschaftlich induzierte Triumph der Sinn- und Hoffnungslosigkeit, dessen Adepten sich nüchtern Realisten nennen, kann und darf doch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Schlimmer noch: Als ob das nicht schon genug der Demütigungen wäre, wissen wir seit einem Jahrzehnt nun auch noch, dass das Universum sich mit kontinuierlich zunehmender Fluchtgeschwindigkeit ausdehnt und entsprechend verdünnt, bis es irgendwann zerreißt und die letzten Elementarteilchen und schwarzen Löcher verdampfen und sich auflösen zu Nichts, und damit auch die Zeit. Weder ein stabiles Universum, das uns Evolution und kontinuierliche Entfaltung des Geistes erlauben würde, ist noch eine Option, noch die zweitbeste Lösung, dass das Universum irgendwann wieder kollabiert bis hin zur raumlosen Singularität mit Hoffnung auf einen neuerlichen Urknall, mit dem die Welt mit neu gemischten Karten aufs Neue beginnen könnte mit ihrer Expansion und neuem Leben. Damit ist auch die gestern noch vage Möglichkeit, die aber dennoch als Versprechen am Horizont stets vorhanden war, dass wir, die Menschen der Erde, uns in ferner Zukunft über die Milchstraße und vielleicht sogar über ferne Galaxien ausbreiten und als Spezies in ständiger Weiterentwicklung fortbestehen, weit über den Hitzetod der Urheimat Erde hinaus, und unseren Samen bis ans Ende der Zeiten durch alle Welt ausbreiten und fortpflanzen, schon heute ad acta gelegt als eine weitere geplatzte Illusion. Und man muss natürlich kein Prophet sein, um zu wissen, dass der letzte Strohhalm, an den wir uns jetzt noch klammern, weil das Gegenteil noch nicht bewiesen ist, schon morgen wegknicken dürfte: dass es nämlich in diesem gigantischen Weltall mit seinen Milliarden von Galaxien und Abermilliarden von Sternen keine einzige intelligente Zivilisation gibt, dass wir ganz allein sind in diesen unermesslichen Räumen und bewusstlos rotierenden Galaxien, die wir gestern noch mit so leuchtenden Augen Lebenswelten nannten. Per aspera ad asthma.

Ist es da ein Wunder, wenn wir uns angesichts dieser zutiefst deprimierenden Aussichtslosigkeit mit immer größeren Kraftanstrengungen unter Aufbietung aller Ressourcen an Fantasievermögen immer neue Traum- und Wunschwelten erdenken, um uns vor dem Sturz ins Bodenlose der Verzweiflung zu bewahren? Du hast keine Chance, also nutze sie – es gibt schlechtere Vulgärphilosophien als diesen alten Spontispruch. Der Mensch lebt von Utopien, er braucht sie schlicht wie die Luft zum Atmen und wie die Liebe um zu überleben. Auch wenn alles gegen uns spricht, ist es doch erlaubt, unseren Geist nicht nur zur Wissenschaft nu nutzen, sondern auch zu Fantasieflügen in Traumwelten, die zwar völlig illusorisch und wohl auch eskapistisch erscheinen, die gleichwohl nicht notwendigerweise heute schon dazu verurteilt sind, morgen wie schon alle anderen Utopien als Seifenblasen der Selbsttäuschung wenn nicht der Selbstverdummung zu platzen.

Hätten wir diesen pessimistischen, nüchternen Realismus, den wir, behaupte ich, von Anbeginn der Menschwerdung an auch schon hatten, zu allen Zeiten stets rigoros gepflegt und durchgesetzt und dafür alle Fantasien, Sehnsüchte, Träume und Vorstellungen von einem besseren Morgen geopfert – wir würden heute noch in Fellen mit Fackeln durch die Höhlen laufen und uns mit Faustkeilen gegenseitig die Köpfe einschlagen. Die Illusionen – die Träume und Beschwörungen von Jagdglück, von einem Ende der eisigen Kälte (Eiszeit) -, die Gebete zu einem Gott für eine gute Ernte, für Fruchtbarkeit, gesunde, kräftige Nachkommenschaft -, die Hoffnung auf ein Ende des Krieges und der Krankheiten -, die Träume vom Ende der Knechtschaft, von der Besiegung des Hungers, von der endgültigen Überwindung sinnlosen Leidens und allen Elends -, der Glaube an ein besseres Morgen war es doch, der Hochkulturen, Zivilisation und Fortschritt ermöglicht hat, wider alle Cro-Magnon-„Realisten“ von einst. Und so ist es heute der Glaube an den Fortschritt z.B. in der Biotechnologie, der es unseren Enkeln vielleicht ermöglicht, die Lebensspanne signifikant zu verlängern, und an neue Technologien, die es uns vielleicht dereinst doch erlauben, unsere zu eng gewordene Heimatwelt zu verlassen und die Milchstraße zu entdecken und vielleicht sogar zu besiedeln. Und es ist, last not least, das von uns noch nicht eingelöste Versprechen des Geistes der Utopie (im Blochschen Sinn), der es uns vielleicht erlaubt, im Prozess der weiteren Entwicklung zu lernen, unsere Macken in den Griff zu kriegen und nach vorne und nach oben zu schauen, wie immer, hin zu einem besseren Morgen. Also dürfen wir sogar weiter träumen und Utopien für übermorgen entwerfen, so wie Platon dies zweieinhalb Jahrtausende vor uns tat mit seinen Skizzen von einem perfekten Staat, seinem athenischen Utopia, das er Anti-Atlantis nannte.

Das Missing Link

Wir suchen nach dem Missing Link, wo es vielleicht gar keins gibt. Es fällt uns schwer zu glauben, dass Spezies unter gleichen Ausgangsbedingungen (genetischer Bestand), ähnlichen Umweltbedingungen und „Gleichzeitigkeiten“ sich völlig unabhängig voneinander an verschiedenen Orten sehr ähnlich bis gleich entwickeln und dass selbst Entwicklungsschübe und Mutationssprünge nahezu zeitgleich und in ähnlicher Form erfolgen, ohne dass die verschiedenen Populationen in Kontakt miteinander stehen. Da hilft auch keine Annahme irgendwelcher „morphogenetischen Felder“, weil diese überhaupt nicht notwendig sind. Computersimulationen zeigen immer wieder aufs Neue, dass sich aus einfachen Formen komplexe Formen entwickeln, und dass bei parallelen Testläufen sich in allen „Entwicklungsfeldern“ fast identische und zeitgleiche Verläufe ergeben, ohne dass es irgendeine Form von „Kontakt“ zwischen diesen Simulationsläufen gibt. Man kann daher davon ausgehen, dass für den unwahrscheinlichen Fall, dass es irgendwo im Universum einen zweiten Planeten gibt, der fast identische Umweltbedingungen hat, sich eine ähnliche Entwicklung des Lebens und der Lebensformen in ähnlichen Zeitabständen ergeben wird wie bei der Erde, ja mehr noch, dass die dortige Spezies „homo sapiens“ auch noch fast genauso aussehen wird wie wir Menschen und 5 und nicht 7 oder 4 Finger entwickeln dürfte und 2 Augen statt 4 oder nur einem, usw. Der Natur sind eben doch Grenzen gesetzt, oder sagen wir besser genetisch favorisierte Entwicklungsschienen.

Es dürfte wohl nicht mehr lange dauern, bis in der Frage nach der Menschwerdung (Hominisation) die konventionelle Out of Africa Hypothese durch die „multiregionale“ Hypothese ersetzt wird, spätestens wenn man irgendwo in Indien oder Indonesien menschliche Knochen eines Alters findet, die dort gar nicht liegen dürften, weil es zu jener Zeit (sagen wir vor 150.000 oder vor 120.000 Jahren) den homo sapiens nur in Ostafrika gegeben haben durfte. Wenn die Umweltbedingungen und die Epoche ähnlich sind, ist anzunehmen, dass der Mutationssprung vom homo erectus zum homo sapiens etwa zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten „parallel“ und ohne „link“ erfolgte, also z.B. vor 150.000 Jahren nicht nur in Ostafrika, sondern vielleicht auch in Süd- und Südostasien und in Zentralamerika. Früheste Völkerwanderungen wären also gar nicht notwendig gewesen.

Ähnlich dürfte es wohl auch in der Kultur gewesen sein. Die Paläoanthropologie zeigt ebenso wie die Archäologie und ansatzweise auch die Linguistik, dass die Entwicklung vom paläolithischen Cro-Magnon-Menschen bis zur ersten frühen Hochkultur ähnlich verlief und weltweit nahezu gleichzeitig geschah mit der dynamischen „Konstante“, dass sich die Entwicklungstrends von den tropischen Regionen über die Subtropen in die gemäßigten Klimazonen ausbreiteten und niemals umgekehrt. Überall auf der Welt finden wir die gleichen Entwicklungslinien, ohne dass jemand auf die Idee käme, hier eine Ursprungs-„Vorkultur“ zu postulieren. Überall ging die Entwicklung vom Faustkeil über zunächst grob, später feiner behauene Steinwerkzeuge hin bis zu fast chirurgisch feinen Instrumenten im Neolithikum; man stelle sich das vor: eine Nähnadel mit Nadelöhr aus Stein! Bereits vor über 13..000 Jahren, also noch zurzeit der letzten Eiszeit, begann im Gebiet des „fruchtbaren Halbmonds“ der Übergang von der nomadisierenden Jäger/Sammler-Gesellschaft zu halbnomadisierendem Ackerbaugesellschaften mit ersten Siedlungen, 2000 – 3000 Jahre später erste Stadtstrukturen (Jericho, Çatal Höyük), Tempel und Keramik bis hin zur vollen Sesshaftigkeit, Übergang von reiner Subsistenz- zu erster Vorratswirtschaft, urbanen Strukturen, Ansätzen einer überregionalen Verwaltung, Kanalisation, überregionalem Handel, ersten Monumentalbauten. Diese Entwicklungen sind, zeitlich leicht versetzt, wobei der Orient die Vorreiterrolle spielte, weltweit gleich, und zwar mit multiregionalen Ursprüngen (Orient, Indien, Ostasien, Zentralamerika und nördliches Südamerika).

Die nächste Entwicklung war dann die zu einer zentralen frühen Proto-Hochkultur: Metropole, Regierung, Tauschhandel, evt. Vorformen von Geldverkehr und handels- und verwaltungstechnisch bedingt ersten schriftlichen Dokumenten in Form von Piktogrammen hin zu einer ersten Protoschrift.

Seltsamerweise begannen die ersten vollwertigen Hochkulturen, die sich u.a. durch eine ausgeprägte Schrift kennzeichnen, nicht auch nur annähernd gleichzeitig an verschiedenen Orten, sondern sehr stark zeitversetzt. Interessiert ist aber hier die berühmte Ausnahme von der Regel, wohl aufgrund der geographischen Nähe: Aktuell tobt zwischen den „Schriftgelehrten“ ein heißer Kampf darüber, wer die erste Schrift, die man mit Fug und Recht eine Schrift nennen kann, „erfand“, zwischen Sumer und dem auf den ersten Blick recht isoliert scheinenden Jiroft im südöstlichen Iran. Bis vor kurzem galt es als mehr oder weniger ausgemacht, dass die Sumerer ca. 3200 v. Chr. die ‚Schrift „erfanden“; dies war aber noch vor den Ausgrabungen bei Jiroft. Die bei Jiroft entdeckte Schrift wird auf ca. 3.000 v. Chr. datiert – es ist aber anzunehmen, dass bei weiteren Funden der Beginn der Schrift um einige Jahrhunderte zurückdatiert werden dürfte. [6] – [10]

Sumerisch galt bisher als isolierte Sprache, d. h. sie ist nach bisherigen Kenntnissen mit keiner anderen Sprache verwandt. Ähnliches gilt bisher für das Elamische, die Sprache der Frühbevölkerung des heutigen Iran, zu der neben den Schriften der elamischen Hauptstadt Susa wohl auch die kürzlich entdeckten Schriften von Jiroft gehören dürften, sofern die von Jiroft nicht eine frühere Form sind oder eine doch andere Schrift. Andererseits ist nach bisherigem Wissensstand auch das Elamische eine isolierte Sprache, die mit keiner anderen verwandt ist. Hier ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen. [11]

Jetzt könnte man aufgrund der zeitlichen und räumlichen Nähe zwischen Sumer und Elam trefflich darüber spekulieren, ob es zwischen diesen beiden frühen Hochkulturen mehr als nur regelmäßige Handelsbeziehungen und Kulturaustausch gab. Man könnte eine mögliche gemeinsame „Ursprache“ hypostasieren, eventuell sogar eine sehr frühe gemeinsame Proto-Hochkultur. Da drängt sich dann gleich wieder die Frage nach einem hypothetischen Missing Link auf, nach nicht vorhandenen, d.h. (noch) nicht ausgegrabenen, aber vorstellbaren Artefakten und vielleicht einer Protoschrift, die auf einen gemeinsamen Ursprung hinweist. Dies ist dann wieder diese Lücke, in die unsere Atlantis-Freunde preschen dürften, für die es als ausgemacht gilt, dass es eine gemeinsame „Wiege der Zivilisation“ in dieser Region gegeben haben muss, eine art Ur-Hochkultur, die durch irgendwelche tragischen Ereignisse ausgelöscht wurde und deren versprengte Überbleibsel dann Sumer in Mesopotamien und südöstlich davon das Reich von Elam gebildet haben. Sie müssen sich dann aber die Frage gefallen lassen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario ist und ob es nach der Theorie der multiregionalen, eigenständigen Entwickelungen aus vielen verschiedenen Ursprüngen nicht näher liegend ist, dass sich auch diese beiden zeitlich und räumlich benachbarten frühen Hochkulturen eigenständig entwickelt haben und die Suche nach einem verschollenen Missling Link nicht genauso frustrierend verlaufen wird wie die nach dem untergegangenen Atlantis.

Atlantis ist der falsche Name

Jetzt hab ich aber doch noch einen Leckerbissen für unsere Atlantis-Freunde, aber auch den „Beweis“, dass es Platons Atlantis gar nicht gegeben haben kann.

Das Letzte zuerst. Bekanntlich sind die Atlantisfreunde nicht gerade Lichtjahre entfernt von den PaleoSETI-Afficianados. Es kommt einfach nur darauf an, Beziehungen herzustellen zwischen all den nicht zusammengehörigen Nicht-Ereignissen, die es erlauben, unsere rationalisierte, schattenlose, banale und so arg entzauberte Welt der zusammengeklumpten Zufälle im Nachhinein ein bisschen geheimnisvoller, aber mit enthüllbaren Geheimnissen, unsere sinnfreie zufällige Gleichzeitigkeit des Daseins, die sie vielleicht dummerweise mit Sinnlosigkeit verwechseln, ein wenig sinnvoller zu machen. Einig sind sie sich schon immer darin, jede Spekulation, die sich nicht (sofort) mit Gegenbelegen ad absurdum führen lässt und die einige Fundstücke, Sedimente, geographische und geologische Formationen und was weiß ich noch nicht von vornherein als inkompatibel mit dieser Hypothese erscheinen lassen, sofort als „Beweise“ für die Richtigkeit ihrer Hypothese zu interpretieren und alle anderen Indizien, die nicht ins Bild passen und der Hypothese ihre wackligen Beine wegzustoßen drohen, sofort unter den Tisch oder besser noch unter den Teppich zu kehren, weil man doch so an dieser schönen Vorstellung hängt, die zu schön ist, um einfach wieder als ein weiteres Luftschloss aus Selbstbetrug von diesen humorlosen verknöcherten „seriösen“ Wissenschaftlern entlarvt und am Nasenring durch die Manege der kichernden Wissenschaftsgemeinde vorgeführt zu werden, als wieder einmal zu schön um wahr zu sein auf den Boden der Tatsachen zu crashen.

Vielleicht ist dies ja auch einer von dieser Sorte voreiliger „Beweise“, und zwar dafür, dass Platon seine Atlantis-Geschichte nur erfunden haben kann. Es reicht, zwei Sätze aus Timaios und Kritias gegenüber zu stellen und ein Minimum an logischem Denkvermögen, um diese Absurdität in ihrem ganzen Ausmaß zu erkennen.

In Tim.23e sagt Platon durch den Mund von Kritias:

„Der Priester aber habe erwidert: Ich will dir Nichts vorenthalten, mein Solon, sondern dir Alles mitteilen, sowohl dir als eurem Staate, vor Allem aber der Göttin zu Liebe, welche euren so wie unseren Staat gleichmäßig zum Eigentume erhielt und beide erzog und bildete, und zwar den euren tausend Jahre früher aus dem Samen, den sie dazu (23e) von der (Erdgöttin) Ge und dem Hephästos empfangen hatte, und später eben so den unsrigen. Die Zahl der Jahre aber, seitdem die Einrichtung des letzteren besteht, ist in unseren heiligen Büchern auf achttausend angegeben. Von euren Mitbürgern, die vor neuntausend Jahren entstanden, will ich dir also jetzt in Kurzem berichten.“ [12]

Und in Kritias 108e heißt es:

„Vor Allem nun wollen wir uns zunächst das ins Gedächtnis zurückrufen, daß es im Ganzen neuntausend Jahre her sind, seitdem, wie angegeben worden, der Krieg zwischen denen, welche jenseits der Säulen des Herakles und allen denen, welche innerhalb derselben wohnten, entstand.“

[13]

Wie kann im Seevölkerkrieg Ur-Athen gegen Atlantis gewonnen und die anderen Völker, u.a. auch Ägypten, befreit haben, wenn Ägypten, das erst 1.000 Jahre nach Ur-Athen gegründet wurde, demnach zu jener Zeit noch gar nicht existiert haben konnte und Ur-Athen zu diesem Zeitpunkt gerade erst gegründet wurde? Ägypten soll einerseits 8.000 Jahre vor Solon gegründet worden sein, aber bereits 9.000 Jahre vor Solon beim Überfall durch Atlantis und die Seevölker den Kürzeren gezogen und fast eine Niederlage erlitten haben, wenn Ur-Athen nicht tapfer und siegreich für die Befreiung der überfallenen Völker gekämpft und Atlantis und Konsorten eine bittere Niederlage beschert hätte? Also erst (9.000 Jahre vor Solon) wird Ägypten durch Ur-Athen im Seevölkerkrieg befreit und 1.000 Jahre später, also 8.000 Jahre vor Solon, wird Ägypten von der Göttin gegründet? Kann es sein, dass Platon da im Eifer der wortreichen Konstruktion seines Utopias Ur-Athen die Zeittafeln ein wenig durcheinander gebracht und die „Wirkung“ (Seefahrerkrieg gegen Ägypten und Heldentat von Ur-Athen) 1.000 Jahre vor der „Ursache“ (Gründung von Ägypten aus dem Schoß der Göttin) angesiedelt hat? [14]

Wenn ich hier nichts selbst durcheinander gebracht habe, dann ist Platon in seinem Skript ein kardinaler Logikfehler unterlaufen, der für diesen scharfen Denker völlig untypisch ist. Hierfür – immer vorausgesetzt, dass mir bei der Interpretation der zitierten Stellen nicht selbst ein Denkfehler unterlaufen ist – gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder stammen die Schriften Kritias und Timaios gar nicht aus der Feder Platons, sondern von jemandem, der sich für Platon ausgab, möglicherweise um seinen Ruf zu ruinieren, oder aber Platon hat sich in seinem eigenen Geschreibsel verlaufen und verirrt und bei der Konstruktion eines idealen Staats ein paar Daten durcheinander gebracht und damit die Chronik auf den Kopf gestellt. Wie auch immer: Es wäre der erste Dokumentarbericht aus einer historischen Epoche, in der ein Staat von einem Feindstaat überfallen wird 1.000 Jahre vor seiner Gründung. Solche schreiblogistischen Patzer bei der Erfindung einer Geschichte sind verzeihlich – nur können sie dann nicht mehr als Dokumentation tatsächlicher historischer Ereignisse durchgehen.

Das Problem ist nur: Wie kann es sein, dass das 2.350 Jahre lang niemandem aufgefallen ist?

Wenn es also um „Beweise“ geht, war – immer unter Vorbehalt, dass mir kein Lesefehler unterlaufen ist – dies wohl der schlagende Beweis dafür, dass Platon sein Atlantis nur erfunden haben kann.

Dennoch ist selbst diese Erklärung noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein Roman z.B. oder ein philosophisches Traktat ist etwas anderes als ein Mythos. Ein Mythos ist eher etwas wie eine Legende, die viele Quellen hat, eine Art Volksepos, ein mündliches, aber auch schriftliches Geraune, dessen Ur-Urheber sich nicht mehr ausmachen lässt, auch wenn es einen gibt, der sich als Urheber aber darstellt und diesen Mythos erstmalig zu Papier oder zu Pergament bringt, in diesem Fall vielleicht Plato, obwohl, wenn’s ein Mythos ist, auch schon andere vor ihm in dieser Sache zur Feder gegriffen haben dürften, nur dass sich deren Werke nicht mehr auffinden lassen. Ein Mythos enthält zumeist ein Körnchen Wahrheit, sonst hätte er sich nicht so lange durch die Generationen hindurch halten können. Es muss was an ihm sein, das die Menschen bewegt. Vielleicht ist Platon ja doch was von einer untergegangenen Zivilisation zu Ohren gekommen, möglicherweise sogar von einer untergegangenen Insel, aber die Quellen, das Geraune, das Rauschen am Ohr aus den vielen Tausenden von Versionen war in sich so widersprüchlich, wie das nun mal bei einem Mythos eben so ist, dass es ihm nicht gelang, dieses Knäuel restlos richtig zu entwirren, wobei sich so wohl einiges von dieser Verwirrung bei der Chronologie der „Ereignisse“ auch auf seinen Kritias und Timaios übertrug, was ihm beim Redigieren nicht mehr auffiel – und all den Millionen Platon-Exegeten nach ihm ebenso wenig. Immerhin war ihm der Mythos Anlass genug, ihn als Vorlage zu nehmen, um auf diesem Hintergrund seine Ideen eines idealen Staats zu entwickeln.

Wenn es aber ein Mythos war, der von Ägypten (über Solon oder sonst wie) nach Athen ausstrahlte, darf man fragen, was dahinter steckt. Vielleicht gibt es ja doch noch andere Quellen.

Ich bin, als ich mich ein wenig durch die griechische Mythologie wühlte, durch Zufall auf einen anderen griechischen Philosophen gestoßen, nämlich auf Euhemeros (340 – 260 v. Chr.). Er ist Verfasser eines philosophisch-utopischen Reiseromans namens Heilige Schrift (hiera anagraphe), in dem es um die Fahrt zu einer fiktiven Insel Panchaia geht, die im „östlichen Meer“ liegt, also wohl im Indischen Ozean, vielleicht im Arabischen Meer. Im Zeustempel der Hauptstadt von Panchaia will er auf einer Stele eine „heilige Schrift“ entdeckt haben, die als Grundgesetz des Inselstaats die Taten der ersten Könige glorifiziert, nämlich der nachmaligen Götter Uranos, Kronos und Zeus, die nichts anderes waren als Staatsgründer und erste Herrscher, aber wegen ihrer herausragenden Verdienste von den Nachgeborenen als Götter verehrt wurden oder sich schon zu Lebzeiten als Götter verehren ließen. [15] Klingt das nicht irgendwie nach einer Verdichtung und Verquirlung Platons – falls es überhaupt Platons (und Euhemeros‘) eigene Ideen waren und sich nicht beide aus einer heute unbekannten „offenen“ Quelle bedienten, einem Mythos, den sie als Steinbruch benutzten, um mit Hilfe des vorgefundenen Materials auf diesem aufbauend ihre eigenen Entwicklungen von einer utopischen, idealen Staatsform zu entwickeln?

Wo kommt aber dieser Mythos her? In Wikipedia steht unter Panchaia: Panchaia liegt nach der Beschreibung von Euphemeros im Indischen Ozean. Man erreiche sie, wenn man von Arabia felix (Jemen) auf das Meer hinausfahre. Es ist die Hauptinsel eines Archipels und wird als äußerst fruchtbar beschrieben. Die Gesellschaftsstruktur erinnert stark an Platons Politeia bzw. an das Ur-Athen in Platons Kritias. Die Insel wird auch von Ovid erwähnt.[16]

Könnte es sein, dass es in grauer Vorzeit tatsächlich eine Insel gab, die durch den kontinuierlichen Anstieg des Meeresspiegels unterging und Stoff gab für diese Mythen? Wenn ja, dann hieß sie ganz sicherlich nicht Atlantis, und Euphemeros‘ Panchaia kommt mir zumindest von der Lokalisation her glaubwürdiger vor als Atlantis – und wohl auch dichter dran am Mythos.

Vielleicht haben wir ja einfach nur die Jahrtausende hindurch den falschen Philosophen gelesen und sind damit einer falschen Insel aufgesessen. Zwar ist auch Euphemeros‘ Panchaia eine Fiktion, aber zumindest verstand er es, sie geschickter zu platzieren – dichter dran an die frühen Hochkulturen, vielleicht im unterseeischen Schlammland des einstmals weiter nach Süden reichenden Indus-Deltas. Möglicherweise rankte sich der alte Völkermythos (von Ägypten nach Griechenland importiert?) aber auch um Sri Lanka. Frühe (sumerische? ägyptische? griechische gar?) Seefahrer waren auf dem Weg zu ihrem Handels-Zielort von in einem Sturm abgetrieben worden und hatten Sri Lanka „entdeckt“, die Trauminsel, die vor Fruchtbarkeit nur so überquoll, und auf späteren Handelsreisen dorthin immer wieder verfehlt, so dass sich der Mythos herausbildete, die Insel sei einfach spurlos verschwunden, möglicherweise in einer Katastrophe über Nacht untergegangen. Wahrscheinlich hielten diejenigen, die von den Seefahrern die Geschichte von der Trauminsel hörten, dies eh nur für Seemannsgarn, nachdem sie bei späteren Fahrten die Insel einfach nicht mehr wieder finden konnten, für immer verschollen.

Wenn es um Mythen ging, also uralte Volksweisen, war Euphemeros in Sachen Mythenanalyse und deren Aufarbeitung ohnehin der größere Fachmann als Platon, war er doch von Beruf nicht nur Philosoph, sondern laut Wikipedia auch Mythograph.

Vielleicht ist das letzte Wort über Atlantis – pardon, über Panchaia – ja doch noch nicht gesprochen.

Bis dahin aber dürfen wir weiter träumen…

Anmerkungen und Literatur

[1] Heinz Günther Nesselrath: Platon und die Erfindung von Atlantis. München 2002
[2] Heinz Günther Nesselrath: Neues von Atlantis? Göttinger Freunde der antiken Literatur Nr. 4/2005. Download unter: http://www.atlantis-scout.de

[3] Christian M. Schoppe, Siegfried G. Schoppe: Atlantis und die Sintflut. Norderstedt 2004
[4] dies. http://www.atlantis-schoppe.de/
[5] DIE Zeit 28/2002 http://zeus.zeit.de/text/archiv/2002/28/200228_a-sintflut.xml
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Jiroft_civilization
[7] http://www.mehrnews.ir/en/NewsDetail.aspx?NewsID=274798
[8] http://www.chnpress.com/news/?section=2&id=6096
[9] http://www.cais-soas.com/News/2006/January2006/12-01.htm
[10] http://www.cais-soas.com/News/2006/April2006/08-04.htm
[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Elamische_Sprache

[12] Timaios und Kritias in der Übs. V. Franz Susemihl
[13] ebd.
[14] Zwar spricht Herodot in der Frage nach dem Alter Ägyptens von 11.340 Jahren (Atlantis Scout), aber er schrieb eben nicht über Atlantis und es gibt keinen Grund, der einen Seite mehr zu glauben als der anderen. Es geht in diesem Kontext nur um die Widersprüchlichkeit bei Platon selbst, die seine „Atlantis-Geschichte“ als Science Fiction ausweist.

[15] http://de.wikipedia.org/wiki/Euhemeros
[16] http://de.wikipedia.org/wiki/Panchaia
[17] http://de.wikipedia.org/wiki/Toba-Katastrophen-Theorie