Gunnar Sperveslage rezensiert für Mysteria3000 das Gemeinschaftswerk ‚Der Ursprung der Geschichte‘. Der Ägyptologe Jan Assmann und der Ethnologe Klaus E. Müller haben dazu einen Band zusammengestellt, der in einer kulturhistorischen Synthese Zeitvorstellungen und historisches Bewusstsein in frühen Kulturen untersucht.

Das Interesse an der Vergangenheit folgt einem historischen Denken. Es ist daher nicht naturgemäß gegeben, sondern stellt eine kulturelle Leistung dar. Im Gegensatz zum Tier, das sich ausschließlich im Raum orientieren kann, besitzt der Mensch die Fähigkeit, sich darüber hinaus auch in der Zeit zu orientieren. Doch wo beginnt in der Geschichte der Menschheit das geschichtliche Erinnern und Rezipieren? Bis wohin lassen sich Geschichtsbewusstsein und Vergangenheitsbezug zurückverfolgen? Wo liegt der Ursprung unseres Geschichtsdenkens?

Der Ägyptologe Jan Assmann und der Ethnologe Klaus E. Müller haben dazu einen Band zusammengestellt, der in einer kulturhistorischen Synthese Zeitvorstellungen und historisches Bewusstsein in frühen Kulturen untersucht.

Der Band ist in vier Kapitel von verschiedenen Autoren des jeweiligen Fachgebietes gegliedert. Im ersten Teil bietet Klaus E. Müller einen generellen Einstieg in die Geschichte des Geschichtsbewusstsein und bespricht verschiedene Aspekte der Erinnerung und der Vergegenwärtigung von Geschichte, sowie die Kodierung von Informationen in schriftlosen Kulturen. Im Zentrum der Betrachtung stehen dabei Überlegungen zur oralen Tradition und es wird u.a. die Bedeutung von bildlichen Darstellungen und Gegenständen als Träger von Ereignisgeschichte analysiert. Im zweiten Teil untersucht Cornelius Holtorf nach einer Besprechung unterschiedlicher Definitionen des Begriffes „Geschichte“, wie sich anhand archäologischer Funde und Befunde Geschichtsbewusstsein und Vergangenheitsbezug in schriftlosen Kulturen rekonstruieren lässt, z.B. durch die Ausrichtung von Gräbern und Bauwerken auf ältere, womöglich heilige Stätten.

Jan Assmann behandelt im dritten Kapitel die ägyptische Hochkultur, für die durch Schriftquellen und bildliche Darstellungen ein umfangreiches Bild überliefert ist. Der ägyptische Kalender und altägyptische Vorstellungen von Zeitkonstruktion werden genauso ausgewertet wie Annalen, Königlisten und biographische Texte. Es zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen Königsideologie und Vergangenheitsbezug. Im letzten Kapitel wird schließlich von Egon Flaig das archaische Griechenland besprochen, in dem die Mythologie und Dichtung, man denke v.a. an Homer und Hesiod, eine große Rolle bei der historischen Verankerung der eigenen Kultur in der Zeit spielten. Der Anfang der eigenen kollektiven Gedächtnisses wurde durch die Mythen in eine überhöhte, mythologische Vergangenheit zurückgeführt, die der Identitätsfindung galt.

Die einzelnen Beiträge verdeutlichen das unterschiedliche Eigenverständnis von Zeit, Geschichte und Vergangenheit in den verschiedenen Kulturen. Der Band bietet dabei keine abschließende Synthese. Diese bleibt dem Leser überlassen, der nach dem Streifzug durch drei verschiedene Kulturen um so wertfreier die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Ausprägung geschichtlichen Bewusstseins beurteilen und auch ein tieferes Verständnis für das Geschichtsbewusstsein der Moderne gewinnen kann.

Assmann, Jan u. Müller, Klaus E. (Hg.): Der Ursprung der Geschichte. Archaische Kulturen, das Alte Ägypten und das Frühe Griechenland, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94128-2, EUR 25,-