Der Pathologe Arthur C. Aufderheide von der Universität Duluth (Minnesota, USA) legt mit ‚The Scientific Study of Mummies‘ ein neues, mehr als 600 Seiten starkes Referenzwerk und Lehrbuch vor, das einen Gewinn für die Disziplin der Paläopathologie und Bioanthropologie mumifizierter menschlicher Körper darstellt.

Wie er selbst im Vorwort schreibt, hat die Forschung auf diesem Gebiet mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, welche ihre Weiterentwicklung behindern: Noch fehlt der Zusammenhalt und der Konsens über die Ausrichtung und die eigentliche Aufgabe der Erforschung mumifizierter Gewebe.

Rezensionen

Der Pathologe Arthur C. Aufderheide von der Universität Duluth (Minnesota, USA) legt mit ‚The Scientific Study of Mummies‘ ein neues, mehr als 600 Seiten starkes Referenzwerk und Lehrbuch vor, das einen Gewinn für die Disziplin der Paläopathologie und Bioanthropologie mumifizierter menschlicher Körper darstellt. Wie er selbst im Vorwort schreibt, hat die Forschung auf diesem Gebiet mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, welche ihre Weiterentwicklung behindern: Noch fehlt der Zusammenhalt und der Konsens über die Ausrichtung und die eigentliche Aufgabe der Erforschung mumifizierter Gewebe. Oft werden Teilaspekte eines einzelnen Fundes untersucht, aber die Autoren wenden sich danach anderen Themen zu. Aufderheide versuchte mit dem vorliegenden Werk, eine Lücke zu schließen und einen Überblick über die Vergangenheit und Gegenwart dieses faszinierenden Forschungszweiges zu geben. Nach meiner Ansicht ist ihm dies weitgehend gelungen. Während man sich bei einigen Themen eine noch ausführlichere Behandlung wünschen mag, ermöglicht das 52-seitige Literaturverzeichnis weitere Recherchen.

Zuerst muss der Begriff „Mumie“ definiert werden und während dieses Wort im populären Sprachgebrauch mit dem Bild eines einbandagierten Leichnams verknüpft ist, so schließt Aufderheide damit jedes nicht-skeletale Fragment eines menschlichen Körpers mit ein, das für einen gewissen Zeitraum nach dem Tode nicht verweste, sondern durch verschiedene menschliche Tätigkeiten oder aber auch nur durch zufällige Umstände konserviert wurde. Diese Definition schließt die klassischen ägyptischen Mumien ebenso mit ein, wie ausgetrocknete, eingefrorene oder auf andere Weisen konservierte Körper und Körperteile, wobei im Buch auch einige seltene Objekte gezeigt werden.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Abriss der bisherigen Geschichte der Anatomie, Autopsie und schließlich der eigentlichen Mumienforschung, welche mit einer Welle von „Ägyptomanie“ nach dem Ägyptenfeldzug von Napoleon einsetzte. Das Kapitel endet mit der Erwähnung verschiedener Publikationen, welche zwischen den 1980er Jahren bis heute neue Methoden wie Massenspektrometrie für die Identifikation kleinster Mengen von Stoffen, sowie molekularbiologische Methoden (DNS-Untersuchungen) für die Forschung auf diesem Gebiet einführten.

Im zweiten Kapitel wird die Frage nach der Motivation für anthropogene Mumifizierungen behandelt. Hier werden verschiedene Erklärungen für derartige Handlungen bei den Incas, den alten Ägyptern, bei Kopfjägern im südamerikanischen Urwald und bei anderen Völkern besprochen und begründet.

Im dritten Kapitel werden die chemischen Mechanismen der Mumifizierung besprochen. Hier erwartet den Leser eine detaillierte technische Diskussion der Wirkungsweise verschiedener Substanzen und Umgebungsfaktoren. Der entscheidende Punkt ist, wie wir heute wissen, die bakterielle Zersetzung zu vermeiden. Dazu hat Aufderheide in seinem Labor eigene Experimente angestellt und tatsächlich existiert eine ganze Anzahl von Arbeiten aus der Pathologie, welche die konservierenden Effekte verschiedener Substanzen auf menschliches Körpergewebe beschreiben. Dazu gehört z.B. Natron, Alkohol, Gerbstoffe, Honig, Lehm, Zement, Sumpfwasser (Tannin), Wachs, Harz, Öle, Schwermetall-Salze (vor allem Arsen), Kochsalz, Gewürze usw. Die beschriebene Wirkungsweise auf das Gewebe und auf ausgewählte Körperorgane wird jeweils mit Beispielen und Fotos belegt. Auch in späteren Kapiteln wird jeweils wieder auf die Mechanismen der Mumifizierung Bezug genommen, wenn Mumien in einem anderen Zusammenhang gezeigt werden.

Im nächsten Kapitel „Geographie der Mumien“, alleine über 200 Seiten umfassend, werden Beispiele von Mumien aus allen Erdteilen und aus allen Zeitepochen aufgeführt. Diese Informationen werden jeweils mit einer Beschreibung der jeweiligen Umstände der Mumifizierung und den kulturellen und historischen Aspekten ergänzt. Hier stößt man auch auf viele, teils interessante, teils skurril anmutende Details. Wussten sie, dass die älteste bisher gefundene Mumie aus Nevada stammt? Diese menschlichen Überreste aus einer Höhle („Spirit Cave“) sind gemäß Radiocarbondatierung 9415 +/- 25 Jahre alt und damit einige hundert Jahre älter als die bisher gefundenen Exemplare im nördlichen Chile.

Ein längerer Abschnitt ist den Kopfjägern Südamerikas gewidmet, inklusive einer genauen Anleitung zur Herstellung von Schrumpfköpfen. Aufderheide hat selbst längere Zeit in Peru und in anderen Ländern Südamerikas gearbeitet, weshalb die hier gefundenen Mumien ausführlich behandelt werden. Diese Mumien und ihre Fundumstände (z.B. exzellent erhaltene Mumien auf Bergspitzen, welche auf natürliche Weise gefriergetrocknet wurden) haben Viel für das kulturelle Verständnis der alten Kulturen in dieser Region beigetragen. Die Paläopathologie verdankt diesen Mumien wertvolle Hinweise zum Gesundheitszustand und zu den Lebensumständen der damaligen Menschen.

Die Mumifizierungsmethoden der Chinchorros im nördlichen Chile um die Zeit von 5000-3000 vor Christus waren erstaunlich komplex: Der Körper wurde zerlegt, das Fleisch größtenteils entfernt, das Skelett wieder zusammengesetzt und das Gewebe mit pflanzlichem Material oder Lehm simuliert und mit Stöcken in Form gehalten, bevor wieder eine Haut (menschlich oder tierisch) um die Gliedmassen herum genäht wurde. Die Mumie wurde danach bemalt, eine Perücke aufgesetzt und der Körper mit Schilfmatten umhüllt. Die genauen Gründe für diese aufwändige Behandlung der Toten und die Herkunft dieser Traditionen ist zur Zeit Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte.

Europäische Mumien umfassen so verschiedenartige Funde wie die in Ziegenfelle und auf Bretter geschnürten Guanchen-Mumien von den Kanaren, über die bekannten Moorleichen Nordeuropas bis zu den Mumien, welche in italienischen Katakomben gefunden wurden. Dem Tiroler Eismann ist nur knapp eine Seite gewidmet, aber das ist bei der grossen Anzahl Bücher über diese Mumie zu verschmerzen.

Die ägyptischen Mumien werden ausführlich nach verschiedenen Zeitepochen besprochen, wobei die kulturellen und politischen Hintergründe der jeweiligen Abschnitte berücksichtigt werden. Hier wird auch nochmals im Detail auf die einzelnen Schritte der Mumifizierung und auf die Wirkung verschiedener Komponenten eingegangen.

Die Ausführungen und Literaturverweise zum Thema der asiatischen Mumien sind ebenfalls sehr interessant, da diese in der populären Literatur meist nur oberflächlich behandelt werden und es schwierig ist, englischsprachige Quellen zu finden.

In Ozeanien und Australien wurden z.T. komplexe Mumifizierungsriten ausgeführt, wobei dieses Gebiet noch ungenügend erforscht ist und viel von dem Wissen über die alten Traditionen unwiederbringlich verlorenging, nachdem sie von den ersten europäischen Entdeckern und Missionaren noch beobachtet worden waren.

Im fünften Kapitel wandelt sich das Buch zu einem Biochemie-Lehrbuch, während alle Veränderungen von verschiedenen Geweben besprochen werden, welche bei der Konservierung oder dem Zerfall der Gewebsstrukturen stattfinden. Aufderheide hat bei seiner Untersuchung der chilenischen Chinchorro-Mumien eine genaue Statistik über alle Körperteile und ihren Erhaltungszustand geführt.

Im nächsten Kapitel „Methodologie der Mumienforschung“ werden die praktischen Aspekte der Arbeit eines Paläopathologen im Feld und im Labor bei der Autopsie besprochen. Auch hier werden nicht nur Methoden beschrieben (wie werden Mumien am besten seziert, welche anatomische Besonderheiten sind zu beachten), sondern auch deren Geschichte und auch zu welchen Fehlinterpretationen es verschiedentlich gekommen ist. Das Kapitel schließt mit einer Übersicht der verschiedenen Anwendungen der Mikroskopie, Röntgenfotografie und CT-Scans sowie der modernen Protein- und DNS-Untersuchungen. Bei diesem letzten Abschnitt tritt etwas hervor, dass Aufderheide diese neuen Methoden in seiner beruflichen Laufbahn nicht mehr persönlich angewendet hat.

Das siebte Kapitel ist den Tiermumien und ihrem Kult gewidmet. Das Schwergewicht liegt hier auf den Funden aus Ägypten.

Die nächsten 81 Seiten, welche das achte Kapitel umfassen, behandeln die eigentliche Paläopathologie: die krankhaften Veränderungen des Körpers (hier vor allem der Eingeweide) und wie man diese selbst in sehr alten Mumien noch erkennen kann. In diesem Kapitel sind auch viele frische Organe mit den Veränderungen durch Blutungen, Entzündungen und Tumore etc. abgebildet, was allerdings das eigenhändige Sezieren nicht ersetzen kann.

Das nächste Kapitel wechselt zu einem ganz anderen Thema: Das Ausstellen von Mumien in Museen und die Konservierung der Ausstellungsstücke. Wie man hier lesen kann, mussten selbst große Museen auf diesem Gebiet einiges Lehrgeld zahlen.

Im 10. und letzten Kapitel erfährt der Leser vom Missbrauch von Mumien über die Jahrhunderte. Mumien als Heilmittel, als Droge, als Papier-Grundstoff, ja sogar als Treibstoff wurden Mumien verfeuert. Passend dazu werden hier auch verschiedene Fälschungen und die Geschichten ihrer Aufdeckung präsentiert.

Abschließend möchte ich meinen, dass alle, die sich ernsthaft für die wissenschaftliche Untersuchung von Mumien interessieren und nebst Englischkenntnissen etwas Vorwissen im Bereich der Biomedizin mitbringen, an diesem Buch nicht vorbeikommen und darin viel Neues finden werden.

Literatur

Arthur C. Aufderheide: The Scientific Study of Mummies. Cambridge 2003. 608 Seiten. ISBN 0-521-81826-5