Verfügten unsere Vorfahren über medizinisches Wissen, gar die Fähigkeit zu Schädeloperationen, die eigentlich weit über ihren Fähigkeiten hätten liegen müssen und so den Schluss zulassen, Außerirdische hätten ihnen derlei Praktiken beigebracht?

Hartwig Hausdorf zum Beispiel berichtet von prähistorischen Schädelfunden die tatsächlich derlei künstliche Schädelöffnungen zeigen (Trepanationen genannt), die an den Rändern Knochenneubildung aufweisen würden, was bedeutet, dass die betroffenen Personen diese Eingriffe tatsächlich überlebten. Er stellt die Frage, wie derart komplexe Eingriffe in das Geschichts- und Entwicklungsbild alter Kulturen passen würden, was ihn zu der Spekulation veranlasst, „irgendjemand“ müsse es diesen „grunzende[n], lendenbeschurzte[n] Steinzeitler[n]“ ja gezeigt haben oder gar das Skalpell geführt haben. [1] Auch andere Vertreter der Paläo-SETI zeigen sich von den Schädelöffnungen beeindruckt und benennen sich im Fundus ihrer vorgebrachten Indizien. [2]

Was zu aller erst einmal auffällt (besonders deutlich bei dem Zitat von Hausdorf) ist die häufig verwendete Rhetorik, in der die Menschen früherer Zeit als geradezu tölpelhaft dargestellt werden, denen bestimmte Leistungen nicht zuzutrauen wären.

Dieses reichlich naive Bild das hier gezeichnet wird, ist natürlich so nicht zutreffend.

In der Tat kennen wir durch die gesamte Geschichte und über die kulturellen Räume hinweg Beispiele für Trepanationen am Schädel. So betäubten die Inka ihre bei Kriegshandlungen am Schädel verletzten Krieger mit Koka (einer in der Andenregion wachsenden Pflanze die auch die Grundlage für die Herstellung von Kokain ist) und nahmen dann die Schädelöffnungen vor, die den Verletzten half, den durch die Schädelbrüche aufgebauten Druck abzubauen. [3]

Im Senkenbergmuseum in Frankfurt/M gibt es für den Interessierten sogar die Möglichkeit, einen etwa 2000 Jahre alten trepanierten Schädel aus Nasca in Peru zu bestaunen, die der Patient seinerzeit tatsächlich überlebte, wie die Wundränder beweisen.

2000 Jahre alter Schädel mit künstlicher Öffnung aus Peru, im Senkenbergmuseum in Frankfurt/M
2000 Jahre alter Schädel mit künstlicher Öffnung aus Peru, im Senkenbergmuseum in Frankfurt/M (Foto: André Kramer)

Tatsächlich gehen derartige Praktiken bis in das Neolithikum zurück und lassen sich an bis zu 7000 Jahre alten Schädeln nachweisen, an denen mittels Steinklingen die Schädeldecke Schicht für Schicht abgeschabt wurde, bis ein ovales Loch entstand. Und in den hippokratischen Schriften aus dem 5. und 6. Jahrhundert v. Chr. Finden sich Beschreibungen von Schädelöffnungen mit Hilfe von Bohrern. Auch mittelalterliche Darstellungen zeigen die chirurgische Öffnung von Schädeln mittels Messern und noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte ein deutscher Arzt in Kenia bei dem Stamm der Kisii einer solchen Schädelöffnung beiwohnen, in der der Medizinmann den Schädel des Patienten mit derart archaischen Methoden öffnete und das „freigelegte“ Gehirn und die Wunde unter Heilsprüchen mit einer Kräuterpaste abdeckte. [4]

Schädelöffnungen waren zwar, ebenso wie heute, hoch gefährliche Eingriffe, doch handelte es sich durch die Geschichte hindurch nicht um Verfahren, die einen Anlass dazu geben würden, dass diese Technik nicht von den Menschen selbst entwickelt wurde. Und wenn Hausdorf suggestiv fragt, wer das Skalpell bei den steinzeitlichen Patienten führte, lässt sich, in ähnlich polemischer Art wohl die Gegenfrage stellen, auf welch niedrigem Niveau wohl die medizinischen Fähigkeiten implizit vermuteter Aliens gewesen sein müssen, mit Steinmessern so grobe Eingriffe vorzunehmen.

Höchst Wahrscheinlich hat die Technik des trepanierens sich auch weniger aus rationalen medizinischen Überlegungen heraus entwickelt, sondern stellt vielmehr eine aus dem Aberglauben heraus entstandene Praxis dar, die zufällig bei einem Teil der Patienten tatsächlich half, deren Leiden zu lindern und die Eingriffe zu überleben. Wenn ein Patient zum Beispiel unter chronischen Kopfschmerzen litt, so könnte die Vorstellung gewesen sein, er wäre von einem Geist besessen, der durch die Öffnung des Schädels entlassen werden musste, was in einigen Fällen, etwa bei Tumoren oder Hämatomen auf dem Gehirn tatsächlich zu einem Entweichen des Drucks führte und damit zu einer Genesung des Betroffenen.

Natürlich lässt sich eine solche These anhand prähistorischer Funde heute nicht mehr nachweisen, doch in Anlehnung an ähnliche Beweggründe bei rezenten Stammesgemeinschaften erscheint sie als wahrscheinlicher, als die Annahme, dass die Technik der Schädelöffnung auf den Einfluss außerirdischer Wesen zurück zu führen sein müsse.

Anmerkungen

[1] Hausdorf 2001, S. 70 f.
[2] Vgl. Dona u. Habeck 2004, S. 103 f.
[3] Vgl. Siegel 2000, S. 179
[4] Hanisch 2005, S. 50 ff.

Literatur

Dona, Klaus; Habeck, Reinhard: Im Labyrinth des Unerklärlichen. Rätselhafte Funde der Menschheitsgeschichte. Rottenburg: Kopp-Verlag 2004

Hanisch, Carola: Loch im Kopf. In: Abenteuer Archäologie 1/2005

Hausdorf, Hartwig: Experiment: Erde. Die Zukunft, die schon gestern war. München: Knaur 2001

Siegel, Ronald K.: Rauschdrogen. Sehnsucht nach dem künstlichen Paradies. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2000