In der geologisch / paläontologischen Sammlung der traditionellen Freiberger Bergakademie befindet sich ein Exponat, das in der grenzwissenschaftlichen Literatur als ein mögliches „Out-of-place-Artefakt“ gehandelt wird, [1] der so genannte Freiberger Kohleschädel.

Dieses besondere Objekt entstammt, ohne weitere Angaben bezüglich des Fundortes, dem Nachlass eines verstorbenen Apothekers namens Löscher. [2]

Es handelt sich hierbei dem Augenschein nach um einen menschlichen Schädel aus Braunkohle und ein solcher Fund wirft natürlich einige gewichtige Fragen auf. Braunkohle ist ein fossiles Produkt ehemaliger Pflanzenreste aus dem Tertiär, also der Erdneuzeit, die dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren folgte.

Der Kohleschädel weist die typischen Merkmale des modernen Menschen auf, wenig ausgeprägte Überaugenwülste, keine ausgeprägt fliehende Stirn und so weiter. Der moderne Mensch Homo Sapiens ist aus geologischer Perspektive erst vor sehr kurzer Zeit aufgetreten, nämlich vor etwa 200000 Jahren in Afrika.

Stellt dieses Exponat also unsere Vorstellungen von der menschlichen Entwicklung komplett auf den Kopf?

Der Kohleschädel in der geologischen Sammlung der Freiberger Bergakademie
Abb. 1: Der Kohleschädel in der geologischen Sammlung der Freiberger Bergakademie (Foto: André Kramer).

1842 wurde der Schädel erstmals in einem Fachartikel behandelt. Der Autor Kersten neigt in diesem zu der Ansicht:

„Ich vermuthe daher, dass dieser Menschenschädel auf irgend eine Weise in eine Braunkohlegrube oder in eine ähnliche Localität gerathen ist, und daselbst die gedachte Metamorphose oder theilweise Petrification erlitten hat.“ [3]

Zu dieser Zeit ging er also noch davon aus, dass es sich hierbei um einen tatsächlichen menschlichen Schädel handeln würde, der durch eine unbekannte Umwandlung „schnell“ in die bestehende Form umgewandelt wurde.

Erst 1923 finden wir eine weitere Erwähnung des Schädels in Stutzers damaligem Standartwerk zu Lagerstätten, in einer Fußnote zum Thema „tierische Reste in Kohleflößen“, in welcher lediglich die Existenz dieses rätselhaften Schädels erwähnt wird, dessen Fundort unbekannt sei. [4]

1988 wurden dann umfangreichere Untersuchungen zu dem Schädel publiziert, die des Rätsels Lösung einen bedeutenden Schritt näher kamen.

Der Biologe und ehemalige Professor für Paläobotanik und Kohlengeologie der Freiberger Bergakademie entdeckte bei seinen Untersuchungen des Schädels kleine gelbe Klümpchen, die sich bei Vergleichanalysen vermutlich als Copalharze entpuppten, wie sie in Apotheken häufig Verwendung fanden. [5]

Hieraus ergibt sich die logische Schlussfolgerung, dass es sich hierbei vermutlich um ein von dem Apotheker Löscher selbst angefertigtes Kunstprodukt handelt. [6]

1998 kam es dann zu weiteren Untersuchungen. Wie uns das Informationsschild in der geologischen Sammlung der Freiberger Bergakademie informiert, wurden in Zusammenarbeit mit dem Freiberger Kreiskrankenhaus computertomographische Aufnahmen des Schädels gemacht, die einen merkwürdigen schalenförmigen Aufbau des Schädels aus konzentrischen Ringen zeigen.

Computertomographische Aufnahmen auf dem Informationsschild zum Schädel in der geologischen Sammlung der Freiberger Bergakademie
Abb. 2: Computertomographische Aufnahmen auf dem Informationsschild zum Schädel in der geologischen Sammlung der Freiberger Bergakademie (Foto: André Kramer).

Der Geologie Bernd Nozon, der sich für die Echtheit des Schädels ausspricht und dementsprechend von einem Anachronismus ausgeht, schreibt:

„Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass Löscher Bergmeister in Böhmen war, sowiecder von Roselt gefundenen pechschwarzen Blättchen (Duxit) kann der Fundort (oder Entstehungsort) des Schädels auf den böhmischen Raum konzentriert werden. Die Bildung der Braunkohle des Böhmischen Beckens wird auf das obere Miozän, also die Zeit vor ca. 15 Mio. Jahren, datiert. Nach heutiger Lehrmeinung kann davon ausgegangen werden, dass zu diesem Zeitpunkt Menschen unter keinen Umständen existierten.“ [7]

Die Schlussfolgerung, den Schädel als ein Kunstprodukt anzusehen, zieht Nozon hierbei in Zweifel. Unter der Verwendung des unpassenden Begriffs Fälschung, fragt er, weshalb jemand sich die Mühe machen sollte, aufwendig mittels der Braunkohle und Harzen die hoch erhitzt werden müssen, einen solchen Schädel zu modellieren, da es wesentlich einfachere Methoden hierzu gäbe?! [8]

Hierzu gibt es nun verschiedenes zu sagen. Zum einen ist der Begriff Fälschung sicherlich falsch gewählt (und wurde zum Beispiel von Roselt nie verwendet), da eine Fälschung immer das Ziel der betrügerischen Irreführung hat. Der Schädel befand sich aber bis nach seinem versterben im Besitz des Apothekers Löscher, der den Schädel offensichtlich nie verkaufte.

Aus diesem Grund bring es der Begriff Kunstprodukt besser auf den Punkt und würde auch Nozons Zweifel erklären. Sicherlich ließe sich ein solcher Schädel auch unter Aufwendung von weniger Mühe erstellen, im Falle eines Kunstwerkes aber, ist die Pragmatik aber nicht das vornehmliche Ziel, sondern der künstlerische Ausdruck, ja auch die künstlerische Technik.

Allerdings gehen die Wissenschaftler der Bergakademie seit den Untersuchungen von 1998 auch gar nicht mehr davon aus, der Schädel sei im Ganzen ein Kunstprodukt. Das Informationsschild sagt hierzu aus, dass es sich vermutlich um eine seltene, aber durchaus vorkommende natürliche Konkretion handeln würde, die schon eine schädelähnliche Form aufgewiesen hätte, und mittels Schnitztechnik in seine endgültige Form gebracht wurde. Solche Spuren würden sich anhand der CT-Aufnahmen auch nachweisen lassen.

So reizvoll der Gedanke auch sein mag, in dem Freiberger Kohleschädel ein Indiz für ein ungemein höheres Alter der Menschheit zu sehen, die bisherigen Untersuchungen lassen eine solche Möglichkeit als sehr unwahrscheinlich erscheinen.

Anmerkungen

[1] Vgl. Nozon 1999, 2003 und Bürgin 2003

[2] Vgl. Roselt 1988, S. 344

[3] Kersten 1842, S. 374

[4] Vgl. Stutzer 1923, S. 274

[5] Vgl. Roselt 1988, S. 345

[6] Vgl. ebd.

[7] Nozon 1999, S. 11

[8] Vgl. ebd.

Literatur

Bürgin, Luc (2003): Rätsel der Archäologie. Unerwartete Entdeckungen, unerforschte Monumente. München: Herbig

Kersten, Herrn (1842): „Über einen in Brauneisenstein und Bitumen umgewandelten Menschenschädel“, in: Archiv für Mineralogie, Geognosie, Bergbau und Hüttenkunde. Nr. 16, 1842

Nozon, Dipl.-Geologe Bernd (1999): „Kuriose Fälschung oder 15 Millionen Jahre altes Relikt? Der Freiberger ‚Kohleschädel'“, in: Sagenhafte Zeiten Nr. 2/1999

Nozon, Dipl.-Geologe Bernd: „Der Freiberger Kohleschädel“, in: Däniken, Erich von – Hrsg. (2003): Jäger verlorenen Wissens. Auf den Spuren einer verbotenen Archäologie. Rottenburg: Kopp-Verlag

Roselt, Gerhard (1988): „Zum Kohleschädel der Freiberger Sammlungen – Ergebnisse bisheriger und neuer Untersuchungen.“, in: Zeitschrift für angewandte Geologie Nr. 34, 1988

Stutzer, Dr. O. (1923): Die wichtigsten Lagerstätten der „Nicht-Erze“. Zweiter Teil: Kohle (Allgemeine Kohlengeologie). 2. Auflage. Berlin: Verlag von Gebrüder Bornstraeger