Cargokulte sind ein Phänomen der melanesischen Inseln, das wir seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennen, und die auf den modernen Europäer auf den ersten Blick äußert Bizarr wirken.

Unter dem Begriff verstehen wir in Melanesien entstandene Kulte, die durch den Zivilisationskontakt mit den Weißen initiiert wurden und in denen es vornehmlich um das Erlangen derselben Reichtümer (daher: Cargo=Güter oder Fracht) geht, wie sie bei den Weißen gesehen wurden. Hierzu werden magische Handlungen praktiziert, die häufig ein Amalgam aus eigener Mythologie, christlichen Elementen und missverstandener Technologie darstellen.

Abb. 1: Die melanesischen Inseln auf denen die Cargokulte zum Teil noch heute verbreitet sind.
Abb. 1: Die melanesischen Inseln auf denen die Cargokulte zum Teil noch heute verbreitet sind.

In der PaläoSeti wird der eigentlich auf die melanesischen Inseln beschränkte Terminus „Cargokult“ häufig im Allgemeinen für das Verhalten von technisch unterlegenen Völkern bei Kulturkonfrontationen verwendet.

Besonders Erich von Däniken hat sich umfangreich mit dem Thema auseinander gesetzt. Er führt viele Beispiele für missverstandene Technologie und Wiederkunftserwartungen bei solchen Zivilisationskontakten an. So erwähnt er zum Beispiel die Erlebnisse des Abenteurers Frank Hurley, der mit seinem Wasserflugzeug im Urwald von Neuguinea landete und dort von den Eingeborenen scheinbar für ein übernatürliches Wesen gehalten wurde. Allabendlich sollen die Eingeborenen sogar ein Schwein geschlachtet und vor seinem Flugzeug als Opfergabe abgelegt haben [1]. Im Zuge seines gleichnamigen Buchtitels bezeichnet Erich von Däniken dieses Verhalten auch als „Götterschock“.

Und tatsächlich, die melanesischen Cargokulte zeigen, dass ein missverstehen fremder Technologie ein weit verbreitetes Phänomen in Ozeanien ist. Und nicht nur das, im Zuge dieser Kulte kommt es auch immer wieder dazu, dass die fremde Technologie in einem Analogieschlussverhalten kopiert wird, in der Hoffnung, auf diese Art und Weise den gleichen Effekt wie bei dem Original zu erzielen.

So wurden zum Beispiel Flugplätze angelegt, in der Hoffnung, dass die Cargobringer nun auch bei den Eingeborenen landen würden, und die „Cargospeicher“ in denen die Waren dann gelagert werden sollten, wurden von der Form her Flugzeugen nach empfunden. [2]

Eine Statistik zeigte auch, dass solch eine Imitationsmagie nicht etwa nur vereinzelt vorkam, sondern ein wesentlicher Punkt der Cargokulte war und noch heute ist. So stellte Friedrich Steinbauer fest, dass es in 85\% der bekannten Fälle zu einem Imitationsverhalten als Analogieschluss gekommen ist. [3]

Das Missverstehen fremdartiger Technologie ist aber auch nicht auf die melanesischen Inseln beschränkt, und so musste auch die Teilnehmer einer vom National Geographic finanzierten Amazonasexpedition 1926 zum Beispiel verdutzt feststellen, dass die Indios ihr Wasserflugzeug für ein riesiges Insekt hielten und sich bei dem lauten Start verschreckt in den Dschungel zurückzogen. [4]

Und wie ist es mit den Wiederkunftserwartungen?

Bei den Cargokulten zeigt sich ganz deutlich, dass Wiederkunftserwartungen nicht direkt durch den Zivilisationskontakt initiiert wurden, wohl aber einen beeinflussenden Faktor darstellen. Eigene alte Mythen der Eingeborenen wurden im Zuge der Kulturkonfrontation verändert, und so wurde aus Mansren, dem erwarteten Messias der Eingeborenen, plötzlich einer der ihren, der im reinigenden Feuer seine alte schwarze Haut verlor und mit weißer Haut aus dem Feuer hervortrat, um darauf hin in ein fernes Land zu gehen. Aber wenn Mansren einst zurückkehren wird, so die Eingeborenen, werde auch für sie die Heilzeit anbrechen [5]. Interessant sind auch hier wieder die späteren Veränderungen der alten Mythe, so wurde aus dem fremden Land in einigen Versionen der Geschichte sogar Holland, wo er den Weißen dann zuerst das Heil brachte [6].

Ein weiteres Beispiel für solcherlei Wiederkunftserwartungen ist der so genannte John Frum Kult auf Tanna, der erstmals 1940 aufkam. Bei John Frum solle es um ein übernatürliches Wesen handeln, in das sich die Gottheit Karaperamun manifestiert, der dereinst wiederkehren soll. [7]

In diesem Zusammenhang hielten die Eingeborenen dann auch die Flugzeuge, die sich 1941 vermehrt über der Region zeigten, für die ersten Vorboten des Bevorstehenden Cargosegens . [8]

Wer oder was John Frum nun in Wirklichkeit war, darüber wird noch immer spekuliert. Friedrich Steinbauer geht davon aus, dass es sich bei John Frum um eine rein fiktive Gestalt handelt [9], während der PaläoSeti-Forscher Walter-Jörg Langbein, der den John Frum Kult im Februar 2004 selber besuchte, sich die Geschichte so ableitet, dass 1940 vermutlich ein amerikanischer Soldat die Insel besuchte und sich als „John from USA“ vorstellte und den Eingeborenen kleine Geschenke darbrachte [10]. In Anbetracht der Tatsache dass Langbein bei den Festlichkeiten zu Ehren John Frums unter anderem auch beobachten konnte, dass die Eingeborenen einen Militärmarsch vorführen und amerikanische Flaggen hießen, ist dies eine These, die man sich durchaus vorstellen könnte.

Nun aber zu behaupten, dass auf einen Zivilisationskontakt automatisch eine Wiederkunftserwartung folgte, sollte mit Vorsicht betrachtet werden.

Für die PaläoSeti stellen all diese Erfahrungen mit Zivilisationskontakten aber einen guten Indikator dar, auf auffallende Begebenheiten, Artefakte und Mythen aus unserer Vergangenheit zu achten, hinter denen sich auf ähnliche Weise missverstandene Technologie und Kontakt Erfahrungen verbergen könnten. Im Grunde ein völlig legitimes Mittel, könnte sich hinter einigen rätselhaften Objekten, etwa den kolumbianischen „Goldfliegern“ doch ebenfalls eine ähnlich gedachte Imitationsmagie verbergen. Doch sollte auch hier mehr zur Vorsicht aufgerufen werden. Denn das bedeutet nicht, dass sich hinter jedem technisch anmutenden Fundstück oder hinter jeder modern klingenden Mythe gleich ein Hinweis auf einen frühen Kontakt verbergen muss. Vielmehr sollten auch die religionsgeschichtlichen und kulturellen Aspekte eines Fundstücks oder einer alten Sage mit berücksichtigt werden, um nicht hinter allem und jedem einen außerirdischen Einfluss zu vermuten, wo auch einfachere Erklärungen zu finden sind.

Anmerkungen

[1] Däniken 1992, S. 62-65

[2] Worsley 1973, S. 286

[3] Steinbauer 1971, S. 121

[4] Stevens 2001, S. 207

[5] Steinbauer 1971, S. 16

[6] Worsley 1973, S. 183

[7] Steinbauer 1971, S. 87

[8] Steinbauer 1971, S. 88

[9] Steinbauer 1971, S. 87

[10] Langbein 2005, S. 18-19

Literatur

Däniken, Erich von (2000): Habe ich mich geirrt? Neue Erinnerungen an die Zukunft. Augsburg

Däniken, Erich von (1992): Der Götterschock. München

Dopatka, Ulrich (2002): Die große Erich von Däniken-Enzyklopädie. Oberhofen am Thuner See

Langbein, Walter-Jörg (2005): „Der John-Frum-Kult und die Götter der Südsee“, in: Sagenhafte Zeiten 5/2005

Langbein, Walter-Jörg (2004): „Auf den Spuren des John-Frum-Kultes“. Vortrag auf dem AAS-One-Day Meeting am 30 Oktober 2004 in Fulda.

Poignant, Roslyn (o.J.): Ozeanische Mythologie. Polinesien. Mikronesien. Melanesien. Australien. Wiesbaden

Steinbauer, Friedrich (1971): Melanesische Cargokulte. Neureligiöse Heilsbewegungen in der Südsee. München

Stevens, Albert W. (2001): „Abenteuer am Amazonas. Eine Expedition mit dem Flugboot über das größte Waldgebiet der Erde“, in: National Geographic April 2001, S. 207

Worsley, Peter (1973): Die Posaune wird erschallen. Cargo-Kulte in Melanesien. Frankfurt am Main