In seinen ersten Büchern erwähnt der französische Prä-Astronautik-Pionier Robert Charroux mehrmals uralte Tontafeln mit einer unbekannten Schrift, die man in Osteuropa gefunden habe. [1] Diese Tontafeln gibt es tatsächlich – sie stammen von der sogenannten Donaukultur, der ersten europäischen Hochkultur von rund 5500 bis 3000 v. Chr., die lange vor den Sumerern und Ägyptern die Schrift erfanden.

Nun ist endlich die erste allgemeine Übersicht über diese „Donaukultur“ oder dieses „Alteuropa“ erschienen. [2] Autor ist der Schriftforscher Harald Haarmann, und das Buch berichtet – teils auf Funden beruhend, teils aus ihnen schlussfolgernd – umfassend über Handel und Handwerk, Sozialstruktur, Religion und Mythologie, Symbolik und Schrift (man hat 970 Artefakte mit 1200 einzelnen Inschriften entdeckt). Auch von den Städten dieser Menschen, denn obwohl die meisten Menschen der Donauhochkultur in kleineren Weilern und Dörfern lebten, gab es gegen Ende der Kultur Städte mit Tausenden von dauerhaften Bewohnern in ringförmigen Siedlungen – etwa eine Stadt beim heutigen Majdanec’ke mit 7500 und eine weitere nahe Tallyanky mit rund 10 000 Einwohnern.

Beide Metropolen lagen nordöstlich des Bug in der Ukraine und existierten längst, bevor sich städtische Kultur im Zweistromland etablierte.

Die Donaukultur war keine völlig einheitliche Erscheinung, sondern setzte sich aus unterschiedlichen Lokalkulturen zusammen, die aber wohl ähnliche kulturelle Phänomene aufwiesen, zudem wahrscheinlich eine gemeinsame Religion und Schrift hatten.

Das Buch ist recht trocken verfasst – spannende Lektüre jedenfalls sieht anders aus. Trotzdem sind die Tatsachen allein sensationell genug, um das Interesse des Lesers zu halten. Und das Werk ist großzügig und mit vielen Karten illustriert.

Einzig, dass Haarmann manche These als erwiesenen Fakt präsentiert – gleich zu Beginn die nach wie vor umstrittene Sintflut-These von Ryan und Pitman, aber auch Gimbutas matriarchalisches Alteuropa, Blackmores „Meme“ oder Oppermanns Sundaschelf-Eden – stört den Leser und erweckt den Eindruck, dass hier nicht nur archäologische Fakten, sondern zusätzlich eine gehörige Portion Privatmeinung als Wissenstand ausgegeben werden. [3] Auch, dass Haarmann fast alle europäische Kultur von der Donaukultur initiiert sieht (und dann Parallelen kommen wie: Minoer verwendeten Krüge, Alteuropäer verwendeten auch Krüge) verrät einen gewissen Überenthusiasmus für seinen Gegenstand.

Aber das Thema ist so außergewöhnlich und so revolutionär, dass das entschuldbar ist: 5000 v. Chr., 2000 Jahre, bevor sich die städtische Hochkultur an Nil und Euphrat und Tigris erstmals regte, gab es in Bulgarien, Rumänien, Serbien und der Ukraine bereits eine städtische Hochkultur, die die Schrift kannte! Das definitive Buch zum Thema hat Haarmann nicht geschrieben, das fehlt noch, aber er hat die beste derzeit erhältliche Einführung in dieses aufsehenerregende Kapitel unser Geschichte vorgelegt, das bei keinem archäologisch Interessierten im Regal fehlen sollte.

Fußnoten

[1] Charroux, Robert: Phantastische Vergangenheit. Berlin: Ullstein, S. 87; Verratene Geheimnisse. München: Goldmann 1979, S. 23

[2] Harald Haarmann: Das Rätsel der Donaukultur. München: C. H. Beck 2011

[3] So wird u.a. auch die muslimische Gebetsrichtung qibla von der alteuropäischen Göttin Kybele abgeleitet oder angegeben, im Palasthof von Knossos in Kreta wären Mädchen über Stiere gesprungen, selbst wenn die moderne Deutung annimmt, die minoischen Fresken stellten Mythen, nicht Alltagsfakten dar (vgl. Haarmann, S. 66, 67).