Nun ist es passiert. Nachdem die ABORA III in der letzten Woche drei Tiefdruckgebiete hintereinander abgesegelt hat, bildete sich ein viertes Tief heraus, das das Expeditionsteam am 11. August erreichte.

Eigentlich wollte das Expeditionsteam am 11. August sein einmonatiges Jubiläum auf dem Atlantik feierlich begehen. Seit dem Start in New York sind nun vier Wochen verstrichen und der Atlantik hat der Expedition bisher wirklich nichts geschenkt. Zuerst flauende, später kräftige Südwinde, schließlich einen Tiefdrucktrog, aber kein Wetter, das typisch für die Jahreszeit gewesen wäre. Der von allen Experten postulierte Südwestwind blieb in breiter Front bis auf wenige Tage bisher aus.

Immerhin hatte der Wetterbericht auch das vierte Tief in Folge angekündigt, dessen Zentrum zum ersten Mal den Weg der ABORA III kreuzen sollte. Dennoch wurden selbst im Zentrum nur relativ geringe Windstärken bis maximal 6 bft vorhergesagt. Allein das letzte Tiefdruckgebiet, das nur einen Tag zuvor die ABORA passierte, schaffte es auf 7 Windstärken, die das Schilfboot ohne den geringsten Schaden meisterte.

Im Tiefdruckabsegeln mittlerweile routiniert, bereitete man sich sorgfältig auf die sechs Windstärken vor, die nicht vor Anbruch der Nacht eintreffen sollten. Der Vormittag lief klimatisch auch voll nach Plan, bis kurz vor Schichtwechsel gegen 14 Uhr innerhalb von wenigen Minuten eine Situation entstand, welche die Mannschaft vor ihre bisher größte Herausforderung stellte. Der Expeditionsleiter fasst seine unmittelbaren Erfahrungen zusammen:

„Im Minutentakt fiel das Barometer weit unter die vorhergesagten Werte auf Rekordtiefe herab. Wir, die wir vom vortägigen Wetterbericht mental auf lapidare 4-6 Windstärken vorbereitet waren, mussten jetzt zusehen, dass sich innerhalb kürzester Zeit die Windgeschwindigkeit von 30 auf 37, dann auf 43 und schließlich in Böen bis auf 48 kn erhöhte. Das ist Windstärke 10 und bedeutete, dass wir geradewegs in einen schweren Sturm fuhren!

Als wir dies registrierten, war es eigentlich schon zu spät. Unser Plan, der für 30 kn Wind vorsah, das zweite Reff einzuziehen, hätte sicherlich bei solchem Wind auch ohne Probleme funktioniert. Jetzt zogen vier Leute aus Leibeskräften an zwei Ecken des Segels doch das Tuch bewegt sich bei 43 kn Wind keinen Zentimeter herunter. Gleichzeitig zogen schwere Regenwolken auf, die den Regen durch die orkanartigen Windböen waagerecht über die Wellen peitschen. Wir schossen bei 42-43 kn auf unheilvollen Kurs über den Atlantik. Ein Blick auf die Mastspitze und Rahe lies uns wenigstens für einen Augenblick aufatmen. Wir hatten unser Großreff bereits vorher eingezogen und das Segel ziemlich tief am Mast gesetzt. Das hat den Mast und die Rahe extrem geschont. Doch jetzt passierte etwas, das ich im Leben nicht geglaubt hätte. Bei 41 kn Wind beginnen auf der Leeseite die Reffösen aus dem Segel zu reißen. Uns blieb nur die Möglichkeit, mit dem Messer die Schot zu kappen.

Danach bekamen wir das wild um sich schlagende Segel mit den Brassen schnell in den Griff. Nach den aufregenden Momenten haben wir bei 45 kn Wind das Segel geborgen. Sofort hat die mittlerweile erfahrene Crew das untere Reff im Segel eingezogen und schnellstens im Mast gesetzt. Dies gab uns wieder Fahrt durchs Wasser, um die ABORA III vor dem Wind zu führen.

Durch den Wind angetrieben, sind die Wellen zu riesigen Wasserbergen angewachsen. Die Höhe ist vom Dach der Korbhütte schwer zu schätzen. Aber es sind die größten die ich je in meinem Leben gesehen habe. Manche sind fast so hoch wie der Mast und der hat eine stattliche Höhe von 11,5 Metern. Die Brecher jagten von achtern heran und hoben die kleine ABORA III wie ein Spielzeugschiffchen in luftige Höhe. Doch jetzt setzte der eindrucksvolle Schilfbooteffekt ein, für den ich um nichts der Welt in dieser Situation mein Schilfboot gegen ein anderes Seefahrzeug eingetauscht hätte: Zum einem passt sich das flexible Schilffloß der Form der Wellen an, was viel weniger Wasser, als vielleicht vermutet, an Bord spritzen lässt. Zum anderen versickert jeder Liter Wasser – es sind bestimmt einige Tausend – durch die Schilfbündel und fließt sofort ins Meer zurück. Man kann sich nirgends bei Sturm mitten im Atlantik so sicher fühlen, wie auf einem Schilfboot, auf dem man kein Wasser schöpfen muss. Mit kleinem Segel stürmten wir mit 4,1 kn über die brausenden Wellen und hatten nach bewegenden 30 Minuten wieder das Gefühl, Herr der Lage zu sein.“

Damit hat die Crew der ABORA III abermals eindrucksvoll bewiesen, dass sie ihr Schiff auch nach unvorhersehbaren Ereignissen schnell wieder im Griff hat. Im vergangenen Monat sind sie zu einer richtigen Hochseecrew zusammengewachsen und fahren auf einem Schilfboot, das auf dem Atlantik voll seetauglich ist. Die Mannschaft leistete Grofles und bewies echten Teamgeist. Die Erfahrungen, die die Crew bei diesem unangekündigten Wetterereignis sammeln durfte, werden sie noch besser auf die maritimen Bedingungen auf dem Nordatlantik einstellen.

Dieser Lernprozess ist das Hauptziel der Experimentellen Archäologie. Man kann mit dieser Expedition ohnehin nicht direkt beweisen, dass frühe Seefahrer den Atlantik hin und wieder zurück überquerten. Man kann jedoch Beobachtungen und empirische Erkenntnisse sammeln, die Wissenschaftlern helfen, bestimmte Indizien zu interpretieren, dass unsere Vorfahren tatsächlich solche Transatlantikreisen gemacht haben könnten. Genau das ist der ABORA III Expedition gelungen.

Am Tag nach dem Sturm wurde nicht nur die Jubiläumsfeier nach geholt, sondern auch das kaputte Segel geflickt. Alle anderen Aufbauten haben den schweren Sturm ohne nennenswerte Schäden überstanden. Auch besitzt das Schilfboot immer noch seine 14 Seitenschwerter, um weiter bei ungünstigen Winden Kurs zu halten.

Für alle beteiligten Expeditionsmitglieder ist das Segeln auf dem prähistorischen Schilffloß ein großes Abenteuer. Sie haben täglich spannende Erlebnisse mit dem Schiff und dem Meer. Insbesondere die Meeresfauna sorgt immer wieder für jede Menge Abwechslung an Bord. Vor zwei Tagen stellten sich zum ersten Mal eine Unmenge Fliegender Fische ein. Heute wurden sie von einem riesigen Manta (Rochen) besucht, der der Mannschaft vor dem Frühstück – Guten Morgen – wünschte.

Schiff und Mannschaft sind, wie bereits beschrieben, nach einem Monat in bester Ordnung. Keiner hat bei dem Sturm Schaden genommen. Die Vorräte sind noch gut gefüllt. Die Stimmung an Bord ist exzellent. Nun bereitet sich die Mannschaft vor, endlich wieder volles Tuch setzen zu dürfen. Das Ziel ist nämlich schon zum Greifen nah – die ABORA III ist nur noch wenige Seemeilen von dem großen Azorenhoch getrennt, das mit Erreichen der Expedition einen weiteren Pusch an seiner Westseite versetzen wird.

Presseinformation ABORA III (27. August 2007)

Weitere Informationen im Internet unter: www.abora3.de

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