Nur zwei Tage nach der Instandsetzung und dem Umbau der sturmgeprüften ABORA III überrascht die internationale Crew ein weiteres starkes Tiefdruckgebiet.

„Wir wussten bereits dass alle neuen Einrichtungen 4 Windstärken standhalten.“ berichtet Expeditionsleiter Dominique Görlitz und setzt fort, „Alles weitere war absolutes Neuland für dass wir uns bestmöglichst vorbereitet hatten. Bei Windstärke 5 hielten alle neuen Einrichtungen dem Druck der Wellen und des Windes stand. Doch als der Wind von mittleren 19 kn bis auf 26 kn anstieg, baute sich innerhalb von zwei Stunden hohe kurze Wellen auf, die der neuen ABORA III stark zusetzten. Unter diesen Bedingungen segelten wir auf dem gewünschten Nordostkurs. Doch mit dem weiteren Ansteigen des Starkwindes stellte sich heraus, dass die nach alten ägyptischen Tempelvorlagen gebauten Steuervorrichtungen diesen Belastungen nicht standhalten. Die vorige nach vorägyptischen Felsbildvorlagen gebaute Steuervorrichtung hatte zweimal selbst Windstärke 10 ohne jegliche Beschädigung ausgehalten, was ein Beleg dafür ist, dass die vorzeitlichen Kulturen seetüchtige Schiffe nutzten, während sich die alten Ägypter mehr auf Flussschiffe spezialisierten.

Aufgrund des Umstandes, dass wir nach dem Umbau mit dem Schiff nochmals 220 Meilen unter Segeln zurücklegen konnten, und wir seit drei Wochen nicht das ersehnte Azorenhoch erhielten, ist es unwahrscheinlich, dass sich das Wetter in den noch notwendigen zwei/drei Wochen bis zu den Azoren erheblich bessern wird. Viel wahrscheinlicher ist, dass wir weitere starke Tiefdruckgebiete abbekommen werden. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, das Experiment 650 Seemeilen vor den Azoren zu beenden. Wir haben die wesentlichen Fragen aus den vier Expeditionsbereichen beantwortet, die wir uns vor Antritt der Fahrt stellten. Diese beziehen sich vor allem auf die vier Teilbereiche Segeltechnik, Reichweite früher Seefahrten, Konstruktion und Seetüchtigkeit prähistorischer Schilfboote.

Uns war die einmalige Erfahrung vergönnt, die Segelfähigkeit dieses prähistorischen Rahseglers zu erforschen. Wir durften erleben, wie sich bestimmte Konstruktionen unter Sturm in hoher See bewährten, andere wiederum den Belastungen des Nordatlantiks nicht Stand hielten. Die Erfahrungen aus unserer 2200 Meilen langen Expedition, liefern uns neue bisher nicht da gewesene Erkenntnisse über die Ausbreitungsmöglichkeiten vorzeitlicher Kulturvölker. Nach den von uns gemachten Beobachtungen und technischen Messungen mit der ABORA III kommen wir zu der Einschätzung, dass der Nordatlantik für frühgeschichtliche Kulturen mit Schilfbooten zu überqueren war.

Weiterhin haben wir haben auch schon klare Erkenntnisse, die zum Abbruch des Achterstevens führten. Dennoch bescherte uns dieses unerwartete Ereignis die Möglichkeit, ein havariertes manövrierbehindertes Schiff mitten im Atlantik umzubauen und damit die Seereise fortzusetzen. Die geographische Zielstellung konnte von der ersten ABORA III leider nicht erfüllt werden. Für mich als Experimentalarchäologe und Wissenschaftler steht die Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellungen und der enorme Fundus von neuen Erkenntnissen im Vordergrund. Außerdem sollte man sich vor Augen führen, dass wir versuchen in Erfahrung zu bringen, wie vorgeschichtliche Technik funktioniert und dass wir trotz mancher moderner Hilfsmittel nicht das gesamte Wissen sowie alle Kenntnisse der Steinzeittechnik besitzen.

Deshalb kann ich auf der Grundlage meiner gemachten Erfahrungen einschätzen, dass, vorzeitliche Schilfboote das Potential besitzen, den Seeweg über den Nordatlantik zu meistern. Wir stehen gerade am Anfang eines langen Lernprozesses, der durch die Beendigung unserer Fahrt nicht in Frage gestellt werden darf. Natürlich sind in der Frühzeit viele solcher Atlantiküberquerungen mit unzähligen Opfern bezahlt worden. Dennoch ist das kein Beleg für die Nichtmachbarkeit von transatlantischen Seereisen. Weiterhin wurden Atlantiküberquerungen nicht in einem einzelnen Schilfboot gemeistert sondern immer in Gruppen. Genaue Zahlen wieviel Boote gestartet sind und wieviele tatsächlich ihr Ziel erreichten liegen nicht vor.

Das Forschungsprogramm schloss eine Vielzahl weiterer Projekte mit ein. So wurden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturpflanzenforschung Gatersleben und dem Institut für Interdisziplinäre Lateinamerikaforschung der Universität Bonn die Driftfähigkeit ausgewählter Kulturpflanzen untersucht. Dafür wird die Salzwasserresistenz von Pflanzensamen in Schleppnetzen hinter der ABORA III für die Dauer einer Drift über den Nordatlantik getestet. Dieses Experiment ist einmalig für die Ethnobotanik. Des Weiteren testen wir Veränderung des Elementmusters von Keramik durch Umspülen im Salzwasser. Zu diesem Zweck sind Originalfunde von Tongefäßen aus Troja neben den Pflanzensamen am Rumpf befestigt, die nach der Seereise archäometrisch untersucht werden.

Wir erzielten insbesondere Kenntnisse darüber, warum unsere eigene Experimentalfahrt ein Drittel länger als vorausberechnet gedauert hat. Im Unterschied zu den Mittelmeertestfahrten mit ABORA I & II stellten wir fest, dass besegelte Schilfflöße im Atlantik nicht wind-, sondern mehr strömungsabhängig sind. Die Vielzahl von Warm- oder auch Kaltwasserwirbel im Nordatlantik hat unsere Fahrt in Richtung Osten eher behindert als unterstützt. Dieser Effekt war in Vorbereitung der Expedition in dieser Quantität nicht abzusehen.

Die Masse der gefahrenen Meilen legten wir durch Querwindsegeln zurück. Am 19. August 2007 überwanden wir bei Südwind innerhalb eines Tages 102 Seemeilen in Ostrichtung. Dabei erreichte ABORA III Spitzengeschwindigkeiten von 6,2 Knoten. Welches Verkehrsmittel der Frühzeit war in der Lage, mehr als 180 km an einem Tag zurückzulegen? Die postulierten Südwest- bis Westwinde bekamen wir nur wenige Tage und nie länger als 24 Stunden. Das nach der Passage des 48. Längengrades erwartete Azorenhoch wurde durch die für diese Jahreszeit völlig untypischen und andauernden Tiefdruckausläufer für den Rest der Reise völlig verdrängt, so dass wir von einem Tief zum nächsten segelten. Die beste Segelleistung maßen wir eine Woche vor den beiden letzten Stürmen. Mit Strömungsunterstützung war ABORA III in der Lage, sogar leicht unter 80Grad über Grund gegen den Wind zu segeln. Diese Messungen wurden mit modernster Navigationstechnik aufgezeichnet, und können nach der detaillierten Auswertung der Messergebnisse bezogen werden.

In solchen Praxistests liegen die Zweck- und Sinnhaftigkeit der Experimentellen Archäologie. Diese empirischen Erkenntnisse sind nicht durch die Interpretation von Felsbilddarstellungen zu gewinnen.

Die ABORA III beinhaltete gleichzeitig ein soziales Experiment. International zusammengestellt, haben sich 11 Leute aus drei Nationen das Ziel gestellt, gemeinsam die Segeleigenschaften eines frühgeschichtlichen Rahseglers zu erforschen. Die Mehrheit der Teilnehmer waren keine Seeleute und haben sich dennoch bewusst diesem Projekt angeschlossen. Nach 56 Tagen auf See kann ich als erfahrener Schilfbootkapitän einschätzen, dass alle Expeditionsmitglieder diese Aufgaben voll erfüllt haben. Alle sind innerhalb kürzester Zeit zu richtigen Seeleuten geworden. Ob bei Sturm oder bei Flaute, jeder Mitsegler war immer mit vollem Einsatz dabei und hat sich dabei mehr und mehr Kompetenz angeeignet. Die Crew ist zu einer richtigen Familie zusammengewachsen, die sich gemeinsam unter schwierigen Verhältnissen für das Erreichen der Expeditionsziele einsetze. Auch in ihrer Freizeit führte sie ein freundschaftliches und kameradschaftliches Verhältnis. Sie sammelten viele abenteuerliche und wertvolle Erfahrungen, so dass diese Fahrt für alle ein unvergessliches Erlebnis wurde. Vom kubanischen Schwimmchampion bis zum norwegischen Mont Everest-Bergsteiger repräsentierte sich die Crew als einen bunten Querschnitt verschiedener Nationen, Charaktere und Altersklassen. Auch die Teilnahme unserer beiden Frauen ergänzte mit ihrer weiblichen Wesensart die männerdominierte Crew.

Etliche Teile der ABORA III werden jetzt sorgfältig abgeborgen und in späteren Ausstellungen wieder zu sehen sein. Nun freuen sich alle Segler auf ihre Familien und die Rückkehr ins \“normale\“ Leben und sie schmieden bereits neue Pläne für eine ABORA IV Expedition.

Presseinformation ABORA III (4. September 2007)

Weitere Informationen im Internet unter: www.abora3.de

Kontakt:
Dominique Görlitz; 001 201 333 4321 oder dominique.goerlitz@t-online.de
Michael Gruenert; 00351 912 896 815 oder info@mg-consulting.ie